Persona

17.12.2015 Walter Gasperi

Ingmar Bergmans 1966 entstandene kühle Studie zweier Frauen ist filmsprachlich immer noch weit kühner als die meisten neuen Filme, inhaltlich immer noch rätselhaft und schwer zu deuten, fordernd, aber gerade dadurch auch faszinierend. Bei Studiocanal ist das Meisterwerk digital überarbeitet auf DVD und Blu-ray erschienen.


Nicht einzuordnende Bildfetzen eines Projektors, eines durch den Projektor laufenden Filmstreifens, einer Stummfilm-Slapstickszene, aber auch einer Spinne, der Schlachtung eines Schafes oder einer Hand, in die ein Nagel geschlagen wird – der christliche Bezug ist unübersehbar – stehen am Beginn. – Am Ende wird der Film zum Projektor und einer erlöschenden Kohlelampe zurückkehren.

Will Bergman die ganze Handlung als Film im Film gesehen wissen und über den Illusionscharakter des Films an sich reflektieren? Dass es um Schein und Sein, um die Brüchigkeit der Identität geht, macht freilich schon der Titel deutlich, verweist «Persona» doch auf die Bezeichnung der Maske, die die Schauspieler in der antiken Tragödie trugen.

Dazu passt auch, dass eine der beiden Protagonistinnen des Films, Elisabet Vogler(Liv Ullmann), Schauspielerin ist, und dass sie gerade während einer Aufführung der Sophokles-Tragödie «Elektra» abrupt mit ihrem bisherigen Leben brach, verstummte und während des ganzen Films nur einmal «Nein, nicht» schreiben, sonst aber nichts sagen wird.

Die Ärztin gibt vor sie zu verstehen, erklärt ihr Verhalten mit dem Wunsch, nicht mehr spielen, sondern endlich sie selbst sein zu wollen. Damit sich Vogler erholen kann, soll sie den Sommer in ihrem Strandhaus verbringen und von der Krankenschwester Alma (Bibi Andersson) dabei gepflegt werden.

In der Abgeschiedenheit kommen sich Vogler und Alma zunächst näher. Während freilich die eine nur schweigt, erzählt die andere permanent aus ihrem Leben und glaubt endlich eine Zuhörerin gefunden zu haben. Als Alma aber entdeckt, dass Elisabet in Briefen detailliert berichtet, was sie ihr erzählt hat, fühlt sie sich verraten und es kommt zur Konfrontation zwischen den Frauen. An die Stelle von Einfühlsamkeit und Mitgefühl tritt Hass.

Ungemein konzentriert blickt Bergman in dem bestechend gefilmten Schwarzweißfilm (Kamera: Sven Nykvist) auf die beiden von Bibi Andersson und Liv Ullmann herausragend gespielten Frauen. In langen Einstellungen ihrer Gesichter versucht er quasi in ihre Seele einzudringen.

Mögen sich Alma und Elisabth dabei auch zunächst näher kommen, sich in einer – unklar bleibt ob realen oder geträumten – Szene umarmen, so kann diese Nähe für Bergman doch nicht von Bestand sein. Keinen Kontakt kann hier auch – in einer Traumszene? - der schmächtige Sohn der Schauspielerin zur Mutter herstellen, kann nur quasi durch ein Milchglas ihr schemenhaftes Bild betrachten

Intensiv macht Bergman so die Einsamkeit des Menschen, die Unmöglichkeit, den anderen wirklich zu erreichen, aber auch das Schweigen Gottes erfahrbar. Gleichzeitig bringt er aber auch seine scheinbar so gegensätzlichen Protagonistinnen wieder zur Deckung, wenn er ihre Gesichter in Überblendungen verschmelzt und die beiden Frauen als zwei Facetten einer Person erscheinen.

Aber auch die Welt fließt an zwei Stellen in diesen so auf die zwei Frauen und das abgeschiedene Strandhaus konzentrierten Film ein, denn einmal sieht die Schauspielerin im Fernsehen einen Bericht über eine Selbstverbrennung in einem Krisen- oder Kriegsgebiet – wohl dem Vietnamkrieg? – ein anderes Mal betrachtet sie intensiv das berühmte Foto der Verhaftung eines jüdischen Jungen im Warschauer Ghetto durch die Nazis.

Offen für vielfältige Interpretationen sind nicht nur diese Szenen: Sollen damit die persönlichen Probleme der Protagonistinnen relativiert werden, sollen sie die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber den Gräueln der Welt vermitteln oder geht es um die Ausgesetztheit des Menschen?

Alles andere als ein leichter Film ist «Persona», aber ganz gewiss ein Film, der nicht nur durch seine teils formal experimentelle Form, sondern auch durch seine Schnörkellosigkeit und die daraus resultierende bohrende Auslotung der menschlichen Psyche seit seiner Uraufführung kein bisschen gealtert ist.

Immer noch irritiert und fasziniert diese bestechende Versuchsanordnung, bei der auch die metallen-klirrende Musik eine kalte Atmosphäre evoziert. Weit über das Filmende hinaus bleibt dieses Meisterwerk haften, regt zum Nachdenken oder auch zur neuerlichen Sichtung an.

An Sprachversionen verfügt die bei Studiocanal erschienene DVD und Blu-ray über die schwedische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie über deutsche Untertitel. Die Extras beschränken sich auf Schrifttafeln zur Produktion und zur Biographie Bergmans sowie auf Trailer zu weiteren Filmen dieses Labels.

Trailer zu «Persona»

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