Bridge of Spies

01.12.2015 Walter Gasperi

In Steven Spielbergs Geschichtslektion muss ein US-Anwalt während des Kalten Kriegs zunächst einen enttarnten sowjetischen Spion vor Gericht verteidigen und dann beim Austausch mit einem gefangenen US-Spion in Ost-Berlin vermitteln. – Ganz klassisch, aber mit der souveränen Gelassenheit eines Altmeisters inszeniertes und atmosphärisch dichtes Kino, das im ersten Teil auch ein zeitlos aktueller Diskurs über demokratisch-rechtsstaatliche Grundregeln ist.


Von einem Spiegel fährt die Kamera zurück und öffnet den Blick auf den Rücken eines Mannes, der über sein Spiegelbild ein Selbstporträt malt: Die erste Einstellung, gibt ein zentrales Thema von «Bridge of Spies» vor und das Spiel mit dem Spiegelbild wird sich mindestens noch einmal wiederholen, wenn Tom Hanks als Anwalt James Donovan den Richter zu Hause aufsucht, um ihm inoffiziell ein Angebot zu machen.

Wie Spiegel Verdoppelungen erzeugen, so erzählt Steven Spielberg im Kern mit der Geschichte eines Agentenaustauschs von den spiegelbildlichen Welten der USA und der UdSSR und ihrem Spiel mit Agenten. Nur logisch, dass der 69-jährige Oscar-Preisträger hier immer wieder mit einer Parallelmontage arbeitet, auch wenn sich die Ereignisse zeitgleich etwas verschoben abgespielt haben dürften.

Am Beginn steht aber eine Kamerarückwärtsfahrt, die nicht nur den Blick auf Maler und Gemälde öffnet, sondern dies in Folge auch als Staffage enttarnt, denn in dieser Wohnung in Brooklyn befinden sich daneben auch zahlreiche Abhörgeräte. Doch auch der schon etwas ältere und unscheinbare Mann wird schon länger vom FBI überwacht.

Wenn er die Wohnung verlässt, werden sich die Beamten an seine Fersen heften, werden ihn beim Verlassen der U-Bahn scheinbar verlieren, dann doch wieder entdecken und schließlich in seiner Wohnung verhaften.

Ein Meisterstück der Inszenierung ist diese Exposition, die fast ganz ohne Worte und ohne Musik auskommt, in der man dank der großartigen Ausstattung von Adam Stockhausen und der Kameraarbeit von Janusz Kaminski, die mit der Dominanz von Blau- und Grautönen eine Atmosphäre der Kälte evoziert, schon ganz in das Jahr 1957 eintaucht.

Außer Zweifel steht, dass der verhaftete Rudolf Abel (großartig: Mark Rylance) ein Sowjet-Spion ist. Seine Verurteilung ist so gut wie beschlossen, denn jede Kooperation mit den Amerikanern verweigert er, bleibt standhaft und gibt keine Informationen preis.

Nur zum Schein soll ihm ein Prozess gemacht werden, für den ihm ein Anwalt gestellt wird. Mit der undankbaren Aufgabe beauftragt wird der Versicherungsanwalt James Donovan (Tom Hanks), der im Strafrecht nur wenig Erfahrung hat, die Sache aber ernster nimmt als gewünscht, um seinen Mandanten, der ihn mit seiner Gemütsruhe und seiner Standhaftigkeit beeindruckt, zu kämpfen beginnt.

Aufgebaut wird in dieser Haupthandlung mit einer Parallelmontage aber auch schon das Finale des Films, wenn Spielberg in kurzen Szenen schildert, wie der US-Pilot Francis Gary Powers vom CIA für einen Aufklärungs- oder Spionageflug über der Sowjetunion vorbereitet wird. – Vorhersehbar ist, worauf die getrennten Geschichten hinauslaufen werden und am 10. Februar 1962 werden sie sich unter Vermittlung von Donovan auf der Glienicker Brücke an der Grenze zwischen dem damaligen West-Berlin und dem ostdeutschen Potsdam schneiden.

Über das souverän inszenierte Geschichtsdrama, das wohlweislich nicht mit dem Insert «nach einer wahren Geschichte», sondern «von wahren Ereignissen inspiriert» eingeleitet wird, weit hinaus geht vor allem der erste Teil des Films. Zwar zeichnet Spielberg auch hier ein zweifellos von eigenen Jugenderfahrungen geprägtes Zeitbild, wenn er knapp zeigt, wie in der Schule mittels des Trickfilms «Duck and Cover» das vermeintlich richtige Verhalten bei Atombombenexplosionen gelehrt wird, wirft aber im Verhalten des Anwalts – wie schon in seinem letzten Film «Lincoln» – auch grundsätzliche demokratisch-rechtstaatliche Fragen auf.

Denn Donovan will eben nicht das Feigenblatt der Demokratie sein, sondern nimmt die amerikanische Verfassung ernst, pocht darauf, dass auch ein Staatsfeind das Recht auf einen fairen Prozess hat. Einerseits steht der von Tom Hanks zurückhaltend und wunderbar gelassen gespielte Anwalt mit diesem aufrechten Gang – und dieser beeindruckt auch seinen Mandanten Abel – ganz in der Tradition der Protagonisten klassischer Frank Capra-Filme wie «Mr Smith Goes to Washington», andererseits ist aber auch die brennende Aktualität dieser Position stets sichtbar.

Wenn Donovan sich der Biegung des Rechts verwehrt und das Rechtssystem und dessen Einhaltung zur stärksten Waffe erklärt, ist dies unübersehbar auch eine Kritik an der Verschleppung von Verdächtigen und Schuldigen nach 9/11 und Überwachungsmethoden.

Nie wirkt dieser Diskurs aber aufgesetzt, sondern entwickelt sich ganz aus der Handlung heraus. Sichtbar wird dabei auch, wie ein Eintreten für solche Rechtsstaatlichkeit in Krisenzeiten nicht nur Anfeindungen, sondern sogar Aggressionen hervorrufen und scheinbar rechtschaffene Bürger zu einem wütenden Mob mutieren können.

Die zeitlos aktuelle Komponente verliert «Bridge of Spies» zwar in der zweiten Hälfte, wenn Donovan von der US-Regierung beauftragt wird in Ost-Berlin den Austausch des gefangenen Sowjet-Spions Abel gegen den gefangenen US-Spion Powers abzuwickeln. Da wird Donovan dann endlich zu einem klassischen Spielberg-Helden aufgebaut, der nicht kalkuliert, sondern für den jedes Leben zählt, und Pathos fehlt im Finale auch nicht, wenn in der U-Bahn an die Stelle der Ablehnung bewundernde Blicke treten, spannend bleibt es aber allemal, denn bestechend erweckt Spielberg auch hier mit perfekter Rekonstruktion des winterlich kalten Berlin die Zeit des Mauerbaus zum Leben.

Läuft derzeit im Kino Lustenau, in Friedrichshafen, Buchs und St. Gallen

Trailer zu «Bridge of Spies»

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