Auf Wiedersehen, Kinder - Au revoir, les enfants

26.11.2015 Walter Gasperi

Für seine autobiographisch geprägte Internatsgeschichte aus dem besetzten Frankreich des Jahres 1944 erhielt Louis Malle 1987 in Venedig den Goldenen Löwen. Auch fast 30 Jahre nach seiner Uraufführung besticht dieser Film, der bei Alamode Film auf DVD und Blu-ray erschienen ist, durch seinen meisterhaften Aufbau, seine Feinfühligkeit und seine unauffällige visuelle Brillanz.


Im Jänner 1944 muss der elfjährige Julien nach den Weihnachtsferien von Paris zurück ins Internat auf dem Land. Der Abschied von seiner Mutter am Bahnhof fällt ihm schwer. Nur ihre Lippen leuchten rot, während davon abgesehen die ganze Szene in Grau und Blau getaucht ist. Grau, Blau und Schwarz werden auch die dominanten Farben bleiben, in die die von Renato Berta mit unauffälliger visueller Brillanz atmosphärisch dicht gefilmte Internatsgeschichte getaucht ist.

Kälte evozieren nicht nur diese Farbdramaturgie, sondern schon die Fahrt durch ein winterlich kaltes, ländliches Frankreich zum katholischen Internat. Nur Knaben aus besseren Häusern finden hier Aufnahme, doch dann kommt ein neuer Schüler dazu, über dessen Herkunft man nicht viel weiß.

Wird er zunächst gehänselt, entwickelt sich langsam doch eine Freundschaft zwischen Julien und diesem Jean Bonnet, hinter dessen Geheimnis Julien sukzessive kommt. - So wird die äußere Kälte der Jahreszeit und des bedrückenden Klimas der Okkupation kontrastiert von der emotionalen Wärme im Internat.

Ganz unspektakulär, aber äußerst sorgfältig entwickelt Louis Malle diese Internatsgeschichte, zeigt die Hänseleien unter den Schülern, die Hierarchie zwischen den älteren und jüngeren und einzelne Schulstunden von Französisch über Mathematik bis Griechisch und Leibesübungen.

Doch so alltäglich das Schulleben scheint, so sehr ist das doch eine Ausnahmesituation, denn immer wieder müssen Schüler und Lehrer beim Luftalarm Zuflucht im Keller suchen, werden die Schüler bei einem Waldspaziergang von deutschen Soldaten aufgegriffen, wollen kollaborierende Franzosen in einem Restaurant einen Juden verhaften.

Fast ganz auf den Alltag im Internat beschränkt sich Louis Malle und man spürt an der Genauigkeit und Behutsamkeit der Inszenierung, dass er hier aus persönlicher Erfahrung erzählt. Er deckt auch das soziale Gefälle auf, wenn er den wohlhabenden Schülern den aus der Unterschicht stammenden Küchenjungen Joseph gegenüberstellt, der schließlich wegen Unterschlagung von Lebensmitteln entlassen und sich dafür rächen wird.

Dennoch bleibt auch dieser Küchenjunge ambivalent, erscheint auch als Opfer, denn während er entlassen wurde, kamen die Schüler mit einer Strafpredigt davon, und auch die Hauptfigur Julien bleibt in diesem psychologisch sehr genau gearbeiteten Film nicht ohne Schuld.

Denn so präzis der Film auch in der Zeit der deutschen Okkupation Frankreichs verankert ist, so sehr ist «Au revoir, les enfants» doch auch ein zeitloser Film über das langsame Wachsen einer Freundschaft, über Loyalität und Verrat und das Ende der unschuldigen Zeit der Kindheit.

Meisterhaft taucht Malle in die Welt dieser Schüler ein und ist in diesem leisen Film, der auf Filmmusik weitgehend verzichtet und fast nur Source-Musik verwendet, stets auf Augenhöhe mit Julien. Mit den Augen dieses Elfjährigen, der unübersehbar das Alter Ego des Regisseurs ist, blickt man auf die anderen Schüler und die Welt.

Zentral sind hier auch Blickkontakte zwischen Julien und Jean, bis zu einem letzten – ganz unabsichtlich verräterischen – Blick, nach dem die Gestapo Jean Bonnet und drei weitere Schüler sowie Pater Jean, der sich mit dem Gruß «Au revoir, les enfants» von den im Schulhof stehenden Zöglingen verabschiedet, abführt.

In diesem zutiefst bewegenden Finale drängt sich dann auch offensiv das Autobiographische in dieses Meisterwerk, das Malle seinen drei Kindern Cuotemoc, Justine et Chloé gewidmet hat, wenn der Regisseur selbst aus dem Off erklärt, dass diese Ereignisse zwar 40 Jahre zurückliegen, er aber jeden Morgen an diesen kalten Januarmorgen des Jahres 1944 denke.

An Sprachversionen bietet die bei Alamode Film erschienene DVD und Blu-ray, die durch brillante Bildqualität besticht, die französische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie deutsche Untertitel. Die Extras beschränken sich auf den Trailer und die 30-minütige Dokumentation «Le fin d´innocence», in der in Interviews Einblick in Malles Arbeit an «Au revoir, les enfants» geboten wird, aber auch die Filmhandlung mit den realen Ereignissen verglichen wird.

Trailer zu «Auf Wiedersehen, Kinder»

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