Ewige Jugend - Youth

24.11.2015 Walter Gasperi

Ein Komponist und Dirigent in Rente und ein alter Filmregisseur und Drehbuchautor verbringen ihren Urlaub in einem Schweizer Alpenhotel. – Paolo Sorrentino bietet nicht nur Michael Caine und Harvey Keitel eine Bühne für zwei große Altersrollen, sondern unterhält in dieser Reflexion über Altern und Verfall auch mit großem visuellem Einfallsreichtum und hinreißendem Dialogwitz.


Nein für die Queen wolle er zum Geburtstag ihres Mannes Prinz Philip nicht seine «Simple Songs» dirigieren, egal ob nun Sumi Jo oder eine andere Sopranistin engagiert werde. Dass er dabei gleich auch noch geadelt werden soll, interessiert ihn auch nicht. Entschieden wimmelt Fred Ballinger (Michael Caine) den Abgesandten der britischen Königin bei seinem ersten Besuch im Hotel in den Schweizer Alpen mit der Begründung ab, er sei in Pension - und er wird auch beim zweiten Vorsprechen nicht nachgeben, doch immerhin einen triftigeren und bewegenden Grund nennen, wieso er diesen Auftritt ablehnt.

Mit dem Drehbuchautor und Filmregisseur Mick Boyle (Harvey Keitel) verbringt Ballinger den Sommer in den Schweizer Bergen. Zwar ist es für Ballinger Zeitverschwendung dafür zu sorgen, dass Leute in ihrem Alter fit werden, doch lassen sie das Programm mit Massagen, Sauna und Bädern dennoch über sich ergehen. Während er mit der Musik nichts mehr zu tun haben will, arbeitet sein Freund Mick mit seinem Team an der Fertigstellung eines Drehbuchs für einen Film, der «sein intellektuelles und emotionales Vermächtnis» werden soll.

In prächtigen Bildern gibt die Kamera von Luca Bigazzi Einblick in diesen Tagesablauf, rückt dabei freilich auch das Abendprogramm mit Alphornbläsern, Seifenblasenkünstlerin, Feuerschlucker oder Popsängerin ins Bild. Dass Letztere gerade mit «Dreams are my Reality» den Hit aus dem Teenie-Film «La Boum» singt, ist bitterer Kommentar zu den zumindest als gesetzt zu bezeichnenden Gästen des Hotels.

Denn da gibt es nicht nur ein altes Paar, das nie ein Wort beim Abendessen spricht, sondern auch einen – dass Diego Maradona als Vorbild diente, ist unübersehbar - schwer übergewichtigen argentinischen Ex-Fußballer, hinter dem stets eine Assistentin mit Sauerstoffflasche herrennen muss. – Und es gibt natürlich die Altersbeschwerden des Duos, wenn Mick erklärt, dass er sich immer weniger an familiäre Ereignisse erinnern könne, oder sie sich mit Humor übers tägliche Urinieren unterhalten.

Das jüngere Publikum beschränkt sich auf einen Schauspieler (Paul Dano), der in der Bergidylle eine Rolle lernt und dazu alle Gäste studiert, sowie Ballingers Tochter und Assistentin Lena (Rachel Weisz), die zwar mit ihrem Mann nach Polynesien verreisen will, dann aber aufgrund einer Ehekrise doch wieder in die Berge zurückkehrt.

Bald folgt ihr dabei ihr Mann Julian, der zudem der Sohn von Mick ist, zusammen mit der realen Sängerin Paloma Faith, die seine neue Geliebte ist: Wenig tiefschürfend, aber dafür umso handfester sind die Gründe, warum er Faith seiner Frau vorzieht.

So klagen nicht nur die alten Herren über Probleme, machen Ausflüge und erinnern sich an eine einstige Geliebte, sondern Lena rechnet auch mit ihrem Vater ab. Wie Rachel Weisz während der Fangobehandlung in einer Großeinstellung ihrem Vater vorhält, was er als Vater alles nicht geleistet und falsch gemacht hat, ist eine große schauspielerische Leistung.

Überhaupt lässt Sorrentino nicht nur Caine und Keitel groß aufspielen, sondern bietet auch den Nebendarstellern Platz für große Auftritte. Jane Fonda mag man kaum erkennen, wie sie aber als Brenda Morel mit Regisseur Mick, der für sie gerade eine neue Rolle schreibt, abrechnet und erklärt, dass sie nicht in seinem Film spielen werde, sondern einen Dreijahres-Vertrag für eine TV-Serie unterschrieben habe, ist eine eindrückliche, kraftvolle und energiegeladene One-Woman-Show.

Wunderbar zurückhaltend und verschmitzt agiert dagegen Paul Dano als Schauspieler, den fast alle nur aufgrund einer Rolle als Roboter kennen, in der er aufgrund seines Anzugs sowieso unkenntlich war. Wenn er im Hotel in seiner nächsten Filmrolle auftritt, sorgt er nicht nur bei den Gästen sondern auch beim Kinozuschauer gleichermaßen für Verwunderung wie für Verunsicherung.

Doch wie bei Sorrentino nicht anders zu erwarten, geht «Youth – Ewige Jugend» natürlich über großes Schauspielerkino hinaus und sprüht vor visuellen Einfällen. Mit leichter Hand lässt er immer wieder alt auf jung treffen, einen unbeholfenen Kletterlehrer des Hotels sich Lena nähern, ein Team um Mick am Ende des Drehbuchs feilschen, ein schrilles Video von Lenas Mann und seiner neuen Geliebten sich als Alptraum Lenas entpuppen oder für Fred den Markusplatz im Wasser versinken.

Und wie gewohnt erzählt Sorrentino auch nicht stringent, sondern mäandrierend, lässt Ballinger auf einer Bergwiese ein fiktives Orchester mit Kuhglocken, Muhen und Vögeln dirigieren, das Duo einen mit Kuckucksuhren, Schweizer Messern und Wanderstöcken aus Holz überfüllten Souvenirladen besuchen oder Miss Universum zu den alten Herren in den Pool steigen.

Lustvoll spielt der Italiener auch mit Klischeevorstellungen und Vorurteilen über Schönheitsköniginnen und Hollywoodstars und bricht sie, wenn sich die Miss nicht als Dummchen erweist und der Hollywoodstar sein Klischeebild vom Koksen, Saufen und Models abschleppen zwar anspricht, aber selbst Novalis liest.

Höchst unterhaltsam ist dieser Film, der dem im Januar verstorbenen Francesco Rosi gewidmet ist, mit dessen Filmen «Ewige Jugend - Youth» freilich nichts gemein hat, kann allerdings mit «La grande Bellezza» und «Il Divo» nicht ganz mithalten. Bei allem Einfallsreichtum ist hier die Erzählung doch geradliniger und nicht so überbordend.

Andererseits ist Sorrentino hier näher bei den Menschen, zeigt bewegend Altern, Verfall und die Vergänglichkeit des Lebens, erschreckend vor allem in einem finalen Bild, wenn das junge Gesicht von Sumi Jo für einen Moment in das abwesende gespenstische Antlitz von Ballingers Frau übergeht. – Ein Bild, das haften bleibt und den Zuschauer unweigerlich an das unabwendbare eigene Altern und den eigenen Verfall erinnert.

Läuft ab Freitag im Cinema Dornbirn (deutsche Fassung)
TaSkino Feldkirch im Kino Rio: Mo 7.12. bis Fr. 11.12. (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Ewige Jugend - Youth»

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