Irrational Man

17.11.2015 Walter Gasperi

Nicht zum ersten Mal setzt sich Woody Allen mit der Frage nach dem perfekten Mord auseinander, doch mehr Esprit als dieser Mix aus böser Komödie und Thriller versprühten frühere Filme. Leichthändig ist «Irrational Man» zwar inszeniert, doch man vermisst die Leidenschaft des Regisseurs und auch Joaquin Phoenix und Emma Stone in den Hauptrollen können den Zuschauer nicht mitreißen.


Zwar beginnt «Irrational Man» wie gewohnt bei Woody Allen mit schlichten weißen Vorspanntiteln auf schwarzem Grund, doch statt dem sonst üblichen Jazz hört man dazu Autogeräusche: Philosophieprofessor Abe Lucas (Joaquin Phoenix) ist unterwegs zu seinem neuen Arbeitsplatz im fiktiven College Braylin in Newport, Rhode Island.

Ein neues Setting hat Allen mit dem Uni-Campus und einer beschaulichen Kleinstadt für sich entdeckt, auf der Handlungsebene greift er aber nicht nur auf «Match Point» zurück, sondern wie schon dort auch auf Dostojewskis «Verbrechen und Strafe» und auch an Hitchcocks «Rope – Cocktail für eine Leiche» kann man hier denken.

Düster ist der Blick von Lucas auf Welt und Menschen, wenn er in seinen Vorlesungen über Kant, Sartre und Kierkegaard referiert. Ausgebrannt ist er, braucht immer wieder mal einen Schluck aus seinem Flachmann, den er immer bei sich hat, und hat auch Probleme beim Sex. Dennoch macht sich nicht nur die verheiratete Chemieprofessorin Rita (Parker Posey) an ihn ran, sondern auch die Studentin Jill (Emma Stone) ist von ihm fasziniert.

Als Abe und Jill in einem Diner ein Gespräch belauschen, in dem eine Frau darüber klagt, dass ein ungerechter Richter beim Scheidungsstreit das Sorgerecht für ihre Kinder dem Ex-Mann zusprechen wird, wünschen beide diesem Richter den Tod. Abe allerdings setzt diese Gedanken auch in die Tat um.

Er scheint damit nicht nur den perfekten Mord begangen zu haben, denn keine Beziehung zwischen ihm und dem Richter kann hergestellt werden, sondern auch seine Lebensgeister erwachen mit dieser Tat und auch die Erektionsprobleme sind wie weggeblasen.

Sinn glaubt er seinem Dasein mit diesem Mord gegeben und die Welt ein bisschen besser gemacht zu haben. Doch sukzessive tauchen mehr Indizien auf, die zumindest Jill – wie die Protagonistin in Hitchcocks ebenfalls in einer Kleinstadt spielenden «Shadow of a Doubt» ihren vermeintlich netten Onkel - Abe immer dringlicher der Tat verdächtigen lassen.

Wie aus dem Ärmel geschüttelt wirkt «Irrational Man», auch der lockere Jazz unterstützt den entspannten Erzählton, der ebenso wie das beschauliche Ambiente, das von Kameramann Darius Khondji in warme Sommerfarben getaucht wird, in scharfem Kontrast zur bitterbösen Story steht.

Geschickt arbeitet Allen auch von Anfang an mit zwei Erzählperspektiven, lässt nicht nur Jill aus dem Off rückblickend auf das Geschehen blicken, sondern vermittelt auch Abes Gedanken über Off-Kommentar. Souverän arbeitet der Altmeister auch mit Hitchcocks Technik des Suspense, wenn er durch Wechsel der Erzählperspektiven dem Zuschauer einen Wissensvorsprung verschafft und es nicht darum geht, wer die Tat begangen hat, sondern ob und wie sie aufgedeckt wird. Doch wirklich Spannung will hier nicht aufkommen, denn man vermisst Allens Leidenschaft für die Sache.

Weil er nur gekonnt, aber ohne sichtliches Interesse inszeniert, plätschert die Handlung mehr dahin, als wirklich Dramatik zu entwickeln. Relativ gleichgültig bleiben einem auch die Figuren. Routiniert spielen Phoenix und Stone zwar die Protagonisten, doch weder sind das starke Identifikationsfiguren, um die man bangt oder mit denen man zittert, noch will es zwischen diesen beiden wirklich funken. Interessanter als die Protagonisten ist da schon Parker Posey als Rita, die mit der Ankunft Abes die Chance auf einen Ausbruch aus dem Alltag und zu einem Neubeginn sieht.

Die Dialoge sind freilich vorzüglich, doch der böse Witz dieses Films, der ganz ungeniert und offen die Frage aufwirft, ob es einen moralisch vertretbaren Mord gibt, zündet hier nicht. Das liegt auch daran, dass Abe zwar immer wieder auf Kant, Kierkegaard und die Existentialisten Bezug nimmt, doch deren philosophische Gedanken nicht vertieft werden, die Zitate dem Film mehr zum Ballast werden als ihn zu bereichern, da die Gedanken nur oberflächlich gestreift werden. – Wirklich zusammen fallen hier böser Witz und Spannung nur am Ende, wenn wie in «Match Point» ein praktisches Detail abseits der üblichen Verwendung Hilfe leistet.

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