Flüchtlingsbibliotheken

08.11.2015 Haimo L. Handl

Die Flüchtlingskatastrophe ist eine und wird immer mehr eine, wiewohl die euphemistischen Bemühungen weismachen wollen, sie sei die Bestätigung der gepriesenen, guten Willkommenskultur, Anlass unter Beweis zu stellen, wie human wir sind, wie gebildet, wie hilfreich. Aber, es lässt sich nicht verbergen, sogar in den Staaten mit den höchsten Aufnahmezahlen, Schweden und Deutschland, kippt die Stimmung; Gefühle sind nun mal keine tauglichen, festen Grundlagen für Politiken.


Die Flüchtlingswelle und das breite politische Versagen, die die nervösen, hysterischen ad-hoc-Aktionen erzwangen, zeigen aber auch kulturelle, pardon, multikulturelle Nebeneffekte, die Bildungseinrichtungen, Theater, Kirchen, Büchereien, Jahrmärkte, Sporthallen und Dorfbäckereien betreffen und, nicht zuletzt, die Sprache. Der Willkommensjargon wird praktisch ergänzt durch feine semantische Differenzierungen, wie wir sie von unseren polternden Politikern in diesem Bereich baulicher Maßnahmen nicht kannten. Üblicherweise betrügen Unternehmen und der sie unterstützende Staat mittels Newspeak, Euphemismen oder gefinkelten Desinformationsbegriffen im Bereich der Wirtschaft, sei es die Saatgut- oder Nahrungsmittelindustrie, die Pharmazie, das Gesundheitswesen, Automobil- oder Atomindustrie bzw. im Bildungsbereich (Ausbildung vs. Bildung).Im Bauwesen schien es keinen Anlass für sprachliche Täuschungsmanöver gegeben zu haben, bis die Flüchtlingsabwehr- und –Kanalisierungsmaßnahmen diese wieder hervorriefen. In Wien war es früher ja üblich, um die damaligen Baubestimmungen zu umgehen, einfach die Stockwerke nicht faktisch zu benennen, sondern ideell, nach Wunsch. Das ersparte viel Geld und gestatte eine privilegierte Bauweise. Aus dem ersten Stock wird das Hochpaterre, aus dem zweiten das Mezzanin, und der dritte Stock endlich ist der erste usw. Genial. Die Etagen haben ihre Namen, das Gesicht und die Bauvorschriften sind gewahrt, und das Geschäft floriert.

So ähnlich geht es heute sprachlich in Verkehrs- und Abwehrmaßnahmen zu: eingezäunte, gesicherte Anhaltelager sind Transitzonen, Zäune, sogar Stacheldrahtverhaue, sind besondere bauliche Maßnahmen, freundlicherweise sogar mit Notausgangstüren versehen, wie Lärmschutzwände an den Autobahnen. Man unterscheidet strenger zwischen Flüchtlingen und Emigranten oder Asylanten, zwischen sicheren und unsicheren Herkunftsländern und macht dabei die islamofaschistische Türkei, der man rasch noch Wahlhilfe für deren Führer Erdogan gewährte, zum sicheren Land, dem man Geld und politische Zugaben zuschiebt, um den Flüchtlingsstrom einzudämmen, weil die Transitzonen keine Kapazitäten mehr haben und man neue Begriffe erst stanzen muss für die neue Katastrophe, die anders benannt werden muss.

In dieser tristen Situation wollen auch die österreichischen Büchereien, so heißen die meisten Bibliotheken bei uns, nicht abseits verharren, sondern lautstark demonstrieren, dass sie mehr sind als Büchereien, dass sie aktiv eine Willkommenskultur (Bibliotheksangebote für Flüchtlinge) pflegen. In der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift des Büchereiverbandes Österreich, Büchereiperspektiven 3/15, finden sich dazu ausgewählte Beiträge. Im Editorial schreibt der Herausgeber, Mag. Leitner, stolz davon:

„Bei den Recherchen zu dieser Ausgabe stellte sich heraus, dass sich schon viele BibliothekarInnen dort engagieren, wo Hilfe notwendig ist. Sie sammeln Spenden, sie öffnen ihre Türen, sie laden zu Führungen und Konversationsrunden – und wenn Flüchtlinge nicht zu ihnen finden, bringen sie Medien in ihre Unterkünfte: Sie zeigen ein freundliches Gesicht und sträuben sich gegen Vorurteile.“

Prima! So stellen wir uns verantwortungsvolle GutmenschInnen vor! Aber sind das in einigen Punkten nicht Selbstverständlichkeiten? Sind die Türen sonst nicht geöffnet, sind die überlasteten Bibliothekarinnen (die überwiegende Mehrheit sind ehrenamtliche, nicht bezahlte Kräfte, weil die Kommunen oder der Bund kein Geld für deren Leistungen aufbringt!) sonst unfreundlich, so dass die jetzige Aktion des freundlichen Gesichts eine besondere Flüchtlingswillkommenskulturäußerung darstellt? Wie gut, dass sie auch Zeit finden, Medien in die Unterkünfte zu bringen, weil das die Flüchtlinge dringend brauchen, wenn sie in Zwischenstationen warten, bis sie in Transitzonen „transistieren“ dürfen oder, wie lieb, dass sie ihre geeignete „Reiselektüre“ für unterwegs haben. Und dass sich die Bibliothekarinnen gegen Vorurteile sträuben, ist überaus bemerkenswert. Wie äußert sich das? Ein eigenes Sträubnisprogramm, dokumentiert von fleißigen Videodokumentaristinnen, damit später die Lauterkeit unter Beweis gestellt werden kann?

Der andere Umkehrschluss ist trauriger und bedenklicher. Wenn sie schon vor den offiziellen Kampagnen Geld sammeln für die Flüchtlinge, dann müsste doch die viele Arbeit, von deren Belastung alle sprechen und die man in den jährlichen Statistiken empirisch belegt nachlesen kann, wer anderer erledigen. Oder fällt die unter den Tisch, weil Spendensammeln wichtiger ist? Wann werden die ausgedünnten Bestände weiter gerodet, damit man anstatt Bücherregale Notbetten aufstellt, Wärmestuben und Pflegeecken für Bedürftige? Wann erkennen die Büchereien, dass es Wichtigeres, Nötigeres gibt als Bücher (die eh nicht mehr das primäre Arbeitsfeld darstellen), nämlich Notversorgungseinrichtungen für die nötige Integration jener, die man willkommen heißt, die aber, weil sie nicht allgemein willkommen sind, doch der speziellen Hilfe bedürfen?

Hilft da eine vom Büchereiverband geplante Aktion „Grenzenlos lesen“? Will man mit Scharen lesehungriger Flüchtlinge die Besuchsfrequenz erhöhen und dabei die Hilfsqualität betonen? Der Herausgeber zitiert einen Büchereileiter: „Es ist wichtig Orte zu schaffen, in denen Flüchtlinge ohne Gettoisierung eine normalen Alltag erleben können. Öffentliche Büchereien ermöglichen durch ihre sozial-integrative Funktion einen solchen Raum, in dem Willkommenskultur gelebt werden kann.“

Dieses Geschwafel ver- und überdeckt die eigentliche Funktion und Aufgabe von Bibliotheken. Es reicht, wenn Büchereien diese ihre Aufgaben professionell erfüllen. Dann braucht man keine Newspeak, kein gesondertes Hinweisen auf Integration und Sozialhilfe. Dann ergibt sich, ohne modische Etiketten der Willkommensmultikultikultur, eine Stätte der Lektüre, der Bildung. Aber das scheint nicht zu reichen. Die Bücherei soll eine normale Alltagserlebnisstätte sein. Nein, sie soll eine besondere Stätte für Lektüre und Bildung sein. Sonst könnten wir uns gleich die teuren Bücher sparen und stattdessen Wohlfühlstätten, Wellness Center und Sozialbegegnungsstätten (ach, wie erfolgreich war doch das Konzept der „Häuser der Begegnung“!) einrichten, damit der gettofreie normale Alltag allen hilft.

Der Dachverband untermauert die Verunsicherung, das schlechte Gewissen: Büchereien, Bibliotheken müssen auf ein anderes, erweitertes Feld pochen, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Bücher, Lesen, Studium, Bildung sind nicht genug, reichen nicht aus. Es gibt Wichtigeres! Die Gutmenschen, die auf diesen Zug springen, werden zu Totengräbern einer alten, wichtigen Kultureinrichtung. Ein Täuschungsprogramm.

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