Spectre

10.11.2015 Walter Gasperi

Nach dem düsteren und durchwegs ernsten «Skyfall» knüpft Sam Mendes mit dem 24. Bond-Film an die Anfänge der Serie an und zitiert immer wieder Elemente und Figuren der früheren Filme. Wie gewohnt wird dabei ein sicher zubereiteter und sehr unterhaltsamer Mix von großartigen Schauplätzen, spektakulärer Action und ruhigeren Szenen geboten.


Mit dem Insert «Die Toten leben» wird das zentrale Thema von «Spectre» vorgegeben und passend dazu beginnt der Film auch mit den Feierlichkeiten zum Tag der Toten in Mexico City. Furios ist da schon die erste Einstellung, in der die Kamera ins Festgetümmel taucht, ein Paar erfasst, ihm durch einen Hoteleingang in ein Zimmer folgt, von dem Bond (Daniel Craig) aufs Dach steigt und ein Gewehr montiert.

Als Hommage an Orson Welles´ Opening Scene von «Touch of Evil» kann man diese mehrminütige Plansequenz ansehen, die abrupt abbricht und in die für Actionfilme übliche Schnittfolge übergeht. Ein Spiel mit der Filmgeschichte wird hier begonnen, dass Sam Mendes später mit der Suche nach einem Haus namens «Americain» im marokkanischen Tanger fortsetzt, weckt dieses doch Erinnerungen an «Ricks Café Americain» im Klassiker «Casablanca» und den Bösewicht Franz Oberhauser lässt er wie Dr. No im ersten Bond-Film oder Marlon Brando in Coppolas «The Godfather» eine weiße Katze streicheln.

Wie Mendes mit der Filmgeschichte insgesamt spielt, so spielt er auch immer wieder auf frühere Bond-Filme an, lässt Mads Mikkelsen, den Bösewicht aus «Casino Royale», und Judy Dench, die in «Skyfall» ermordete MI-6 Chefin, auf Fotos durch den Film geistern, ruft mit Vesper Lynd die Bond-Geliebte aus «Casino Royale» in Erinnerung, knüpft mit einem Tintenfisch in der Titelsequenz an «Octopussy» an und lässt einen wortlosen Killer Bond jagen, der sicher ganz bewusst nach dem Vorbild von «Jaws – Beisser» Howard Kiel aus «The Spy Who Loved Me» und «Moonraker» angelegt ist. Auch eine Klinik auf einem Berggipfel ist wohl als Reminiszenz an die Forschungsstation auf dem fiktiven Piz Gloria – dem realen in den Berner Voralpen gelegenen Schilthorn – in «Im Geheimdienst ihrer Majestät» gedacht.

Wie in «Skyfall» wird Bond auch in «Spectre» mit der eigenen Geschichte konfrontiert, allerdings wird diese hier von Mendes nicht so düster und beklemmend ausgeleuchtet, sondern vielmehr wird eher locker damit gespielt.

Viel souveräner als in «Casino Royale» oder «Skyfall» agiert hier auch der Agent seiner Majestät, scheint nie wirklich gefährdet, sondern immer Herr der Lage zu sein, was die Spannung zwar dämpft, dem Vergnügen am 24. Bond aber kaum Abbruch tut.

Mit zweieinhalb Stunden ist «Spectre» zwar der längste Bond-Film und für einen Film dieses Genres einfach zu lang, aber mit den zahlreichen Schauplatzwechseln von Mexiko-City über London, Rom und die österreichischen Alpen bis zur Wüste Sahara, dem sicheren Timing für den Mix aus ruhigen Momenten und spektakulären Actionszenen hält Mendes die Maschine aber immer am Laufen, lässt nie Leerlauf aufkommen. – Wirklich entbehrlich ist nur Sam Smiths schwacher Titelsong «Writing´s on the Wall».

Kennzeichnete «Skyfall» aber einen ernsten Erzählton und ein – zumindest nach den Maßstäben der Bond-Filme – Realismus in der Inszenierung, so hebt Mendes hier wieder mehr ab, knüpft an die Anfänge der Serie an. Das beginnt bei einem wilden Kampf im Hubschrauber in der Pre-Title-Sequenz, in dem man eine Reminiszenz an «From Russia With Love – Liebesgrüße aus Moskau» (1963) sehen kann, setzt sich fort mit einer spektakulären Flugzeug-Autoverfolgung im Schnee, mit der ähnliche Vorgängerszenen variiert und überboten werden, und endet mit der futuristischen Zentrale des Bösewichts in der Sahara, die man ähnlich und an anderen Orten auch schon aus anderen Bond-Filmen kennt.

Wie wenig ernst Mendes diesen Film nimmt, zeigt sich nicht nur in der zunehmend komödiantische Züge annehmenden Flugzeug-Auto-Verfolgung, sondern auch in Details wie dem Ende einer anderen Verfolgungsjagd oder der Geste, mit der Bond den finalen Kampf mit Oberhauser abschließt und vor allem den schon an Bud Spencer- und Terrence Hill-Filme erinnernden langen Kampf zwischen Bond und dem namenlosen Killer, bei dem sie sich quer durch einen Zug prügeln, und auf dessen Ende ansatzlos die Frage von Bond-Girl Madelaine (Lea Seydoux) folgt: «Und was machen wir jetzt?»

Ganz anderes Gewicht als in früheren Bond-Filmen bekommt hier dieses Bond-Girl, das mit Lea Seydoux auch mit einem Star besetzt ist. Diese Madelaine ist kein Objekt des Geheimagenten, mit dem er sich die Zeit vertreiben kann, sondern präsentiert sich als starke und selbstständige Frau, ergreift selbst die Initiative, als sie Bond zu interessieren beginnt.

Ganz nach den Konventionen der Serie ist dagegen der Superschurke Franz Oberhauser alias Ernst Stavro Blofeld gezeichnet. Christoph Waltz spielt ihn routiniert, kann ihm aber keine Eigenheiten verleihen, nie die Präsenz eines Javier Bardem in «Skyfall» entwickeln.

Durch weltweite Terroranschläge versucht dieser Kopf einer weltweit operierenden Verbrecherorganisation die Staaten dazu zu bewegen, der Einführung eines Systems zur totalen Überwachung der Bevölkerung - der Filmtitel «Spectre», der gleichzeit der Name der Verbrecherorganisation ist, verweisen schon darauf - zuzustimmen. Durchaus aktuell strebt Oberhauser nämlich nicht mehr mit Superwaffen wie die Schurken der früheren Bond-Filme nach der Weltherrschaft, sondern durch Überwachung und Kontrolle.

Überflüssig würden dadurch auch die Agenten, womit sich eine Parallele zu dem im Sommer angelaufenen «Mission Impossible 5: Rogue Nation» ergibt. Hier wie dort will man die alten Agenten in Pension schicken, ihre Dienststellen auflösen, doch hier wie dort beweisen sie am Ende, dass sie doch unverzichtbar sind und die alten Zustände werden wieder hergestellt.

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