Nacht und Nebel – Nuit et brouillard

12.11.2015 Walter Gasperi

Alain Resnais´ Dokumentarfilm ist zwar nur 32 Minuten lang, gehört aber dennoch zu den zentralen Filmen über den Holocaust. In meisterhafter Mischung von schwarzweißem Archivmaterial und 1955 gedrehten farbigen Aufnahmen um und im verfallenden KZ Auschwitz-Birkenau zeichnet er nüchtern und schonungslos die nationalsozialistische Tötungsmaschinerie nach. Bei absolut Medien ist dieses Meisterwerk, das auch 60 Jahre nach seiner Uraufführung immer noch erschüttert, auf DVD erschienen.


Ruhig wirkt die grüne Landschaft, doch dann senkt sich die Kamera und ein Stacheldrahtzaun wird sichtbar. In gleicher Weise öffnet die Kamera den Blick auf Stacheldraht und Wachtürme, wenn sie zurückfährt. – Erst 10 Jahre war der Zweite Weltkrieg zur Entstehungszeit von «Nacht und Nebel» vorüber, doch schon drohte man nur noch die idyllische Landschaft zu sehen, die Lager und das Grauen, das dort herrschte, aber zu verdrängen oder zu vergessen.

Wie auch in seinen späteren Spielfilmen wie «Hiroshima, mon amour» oder «Muriel oder die Zeit der Wiederkehr» reflektiert Alain Resnais schon in diesem mittellangen Dokumentarfilm, dem in der französischen Fassung ein Kommentar des Schriftstellers und ehemaligen Lagerinsassen Jean Cayrol und in der deutschen des Lyrikers Paul Celan, sowie Musik von Hanns Eisler unterlegt ist, über die Zeit, über Erinnerung und Vergessen.

In nur 30 Minuten gelingt es ihm die Entwicklung der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie von der Machtübernahme über den Bau der KZ und die Deportation in Zügen bis zum Lagerleben, der brutalen Hierarchie und der Verwertung jeglicher Überreste von Schmuck über Haare bis zu den Körpern und zur Haut nachzuzeichnen.

Er zeigt schließlich nicht nur mit der Befreiung der Lager und der Leichenberge, die mit Planierraupen in Gruben geschoben wurden, das Ende der Barbarei, sondern weist auch warnend darauf hin, dass der Rassismus und die Unmenschlichkeit jederzeit wieder ausbrechen können.

Meisterhaft verknüpft Resnais farbige Aufnahmen von den Wiesen um das Lager und dem Gras, das zwischen den Schienen wächst, vom verrosteten Stacheldraht, den Toiletten und den Schlafsälen mit dem erschütternden Archivmaterial. Er inszeniert nicht die Vergangenheit nach, versucht nicht das nicht darstellbare Grauen nachzustellen, sondern weiß um die Wirkung des Originalmaterials und schont den Zuschauer dabei nicht, zeigt zu Skeletten ausgehungerte Menschen, Leichenberge, abgetrennte Köpfe und die daneben liegenden Körper.

Gesteigert wird die Wirkung sowohl durch den nüchternen Text Cayrols und Celans, der messerscharfen Einblick in die Maschinerie bietet, und dessen emotionslosen Vortrag als auch durch die punktgenau eingesetzte Musik von Hanns Eisler. Hier wird nicht nur in Erinnerung gerufen, wozu es kein Bildmaterial gibt vom elenden Verrecken in den Viehwaggons bis zu den bestialischen Menschenversuchen in den Krankenhäusern der KZ, sondern immer wieder auch allgemein über die Natur des Menschen reflektiert.

Schwer vorstellbar ist heute, welchen Schock dieser Film 1955 ausgelöst haben muss, als diese Bilder noch nicht so bekannt waren, das Thema noch nicht in Spielfilmen aufgearbeitet wurde und es auch noch keine TV-Dokumentationen dazu gab.

Bei absolut Medien ist Resnais´ Meisterwerk nun erstmals auf DVD erschienen. An Sprachversionen werden die französische und die deutsche Fassung angeboten, zu denen jeweils englische Untertitel zugeschaltet werden können. Die Extras beschränken sich auf ein 24-seitiges Booklet mit dem Filmtext von Paul Celan, zwei Texten von Volker Schlöndorff sowie zwei kürzeren Texten zur Entstehung des Films sowie zur Streichung des Films aus dem Programm des Filmfestivals von Cannes, die auf Protest des deutschen Botschafters erfolgte.

Ausschnitt aus «Nacht und Nebel»

  • (c) absolut Medien GmbH
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