Vernichtungswille

25.10.2015 Haimo L. Handl

«Vielleicht jeder hat einmal in seiner Jugend jenen leidenschaftlichen Moment erlebt, in dem er zu sich sagte: »Könntest du doch deine ganze Vergangenheit auslöschen! Und du ständest, rein und unbeschrieben, im Angesicht der Natur, wie der erste Mensch, um von nun an weiser und besser zu leben«.»


Die Vernichtungswut, der Lebenshass religiöser Fanatiker, die Mordlust und das fröhliche Töten, haben nie wirklich aufgehört zu existieren. Zwar empören uns gegenwärtig die altmodischen, abscheulichen Mordtaten der Islamisten mehr als das «saubere Töten» durch Drohnen oder Bomben, nicht zu sprechen vom Cyberwar und den biologischen Kriegsmaßnahmen, aber bei der Frage der totalen Weltvernichtung scheuen wir noch zurück. Den Anfang zur möglichen Totalvernichtung hatten nicht religiöse Fanatiker gesetzt, sondern die damals höchstentwickelte Nation, die USA, mit ihren zwei Atombombenabwürfen 1945. Seitdem werden die Gefahren des Atomzeitalters kleingeredet. Man lächelt über die Geängstigten, die Furchtsamen und setzt auf Atomkraft, ihre «friedliche» Nutzung, und, kultürlich, ihr Vernichtungspotential für den Endsieg.

«Es ist ein törichter und schrecklicher Wunsch: denn sollte wirklich die ganze Vergangenheit des Wünschenden von der Tafel des Seins ausgelöscht werden, so hieße dies nichts weniger als mit seinen ärmlichen Paar Lebensmonden auch zahllose frühere Geschlechter auszutilgen: deren Nachklang und Überrest nun einmal unsre Existenz ist, so gern sich das Individuum als etwas ganz Neues und Unerhörtes zu empfinden geneigt ist. In der Tat gibt es kaum ein selbstsüchtigeres Verlangen, als ganze frühere Generationen noch a posteriori zu vernichten, weil irgendein Späterer Grund hat, mit sich unzufrieden zu sein.»

Die totale Vernichtung als totale Selbstsucht, übersteigert, krank, pervers, böse. Die beiden zitierten Absätze wurden 1873 von Friedrich Nietzsche notiert. Er bemerkte in einem nachfolgenden Satz die Verletzlichkeit der Bildung, dass auch diese vernichtet werden kann, überhaupt das ganze geistige Leben. Vor über 140 Jahren dachte der deutsche Philosoph und Psychologe gescheiter, als viele Experten heute, trotz ihrer besseren Kommunikationsmittel und Big Data. Er erkannte das zugrundeliegende Wertproblem, die Orientierungslosigkeit und die Abwesenheit einer Garantie durch Wissen und Bildung. Für Humanität, für vernünftiges Sozialverhalten braucht es mehr als Technik, Methodik und Daten. Es braucht mehr als ausreichenden Zugang zu Versorgungsgütern. Es braucht mehr als Reichtum.

In der jüngeren Geschichte wurde eindrücklich der Vernichtungswille praktiziert: die Nazis in ihrer tiefen Angst vor der Entzauberung durch die Aufklärung, die Bolschewiki in ihrem grenzenlosen Terror beim Versuch, den „Neuen Menschen“ zu kreieren, ähnlich pervers wie ihr rechtes Gegenüber, die Faschisten, geleitet von einer kalten, missverstandenen Wissenschaftlichkeit. Mao Tse Tung, dessen Menschenverachtung und ähnlichem Ingenieurswillen im „Großen Sprung nach vorn“ Millionen zum Opfer fielen, nicht zu sprechen vom Terror der Unkulturrevolution, die als „Kulturrevolution“ von 1966 bis 1976 in die unselige Geschichte einging, setzte die Vernichtung zielgerichtet fort, um von „kleineren“ Vernichtungsverbrechern wie Pol Pot In Kambodscha ergänzt zu werden. Zu diesen Vernichtungsfeldzügen gesellten sie die „regulären“ Kriege und nun, als Ausdruck eines neuen alten Hasses der islamische Religionsfanatiker das sportive Töten und Vernichten.

Der fokussierte Blick auf die offenkundigen Gräueltaten verdeckt eine Art von kaschierter Kriegsführung durch die USA, die in ihrem ungezügelten Profitstreben gezielt die Biodiversität gefährlich verringern, Saatgut mittels Gentechnik (Hybridpflanzen) so verändern, dass die Abhängigkeit der Anbauer steigt, dass die kranken Inzuchtpflanzen immer neue, teurere Hilfsstoffe benötigen, alles im Sinne des großen Geschäfts, der enormen Profite, der tiefgehendsten Ausbeutung, die die Geschichte je kannte.

Die moderne Vernichtung kommt in weißer Weste, ganz vernünftig daher und komplettiert das katastrophale Vernichtungswerkzeug durch das von den USA initiierte Finanz- und Bankensystem, das die Märkte weltweit im Griff hat. Bedingt durch das inzwischen etablierte schwache Werteverständnis, die grassierende Un- und Halbbildung, haben die Macher relativ leichtes Spiel; die Unfähigkeit der Nationen und ihre inkompetenten Politiken beweisen ein Ausgeliefertsein, das den Boden für immer neue soziale Probleme und, schlussendlich, Kriege bildet.

Wir leben in fürwahr „interessanten“ Zeiten. Doch ist die Unruhe nicht schöpferisch, sondern nervös, eigennützig, egoistisch, ja sogar panisch. Um dies zu ändern, bedarf es nicht nur einer neuen Aufklärung, sondern des Willens und der Anstrengung, diese auch konkret umzusetzen.

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