45 Years

27.10.2015 Walter Gasperi

45 Jahre waren Geoff und Kate glücklich verheiratet, doch dann wird bei Geoff plötzlich die Erinnerung an eine 50 Jahre zurück liegende Beziehung geweckt – und nichts ist mehr wie früher. – Andrew Haigh gelang mit seinem dritten Spielfilm ein unglaublich präzise inszeniertes und von Charlotte Rampling und Tom Courtenay überragend gespieltes Meisterwerk.


Zum Vorspann von Andrew Haighs «45 Years», der auf der Kurzgeschichte «In Another Country» von David Constantine basiert, hört man nur das Geräusch eines Diaprojektors. Ins Dunkel brechen so über die Tonspur Ereignisse aus einer Zeit herein, als noch analog fotografiert und klassisch projiziert wurde. Ein Vorverweis ist das schon auf den Einbruch der Vergangenheit in die Gegenwart, von dessen Auswirkungen Haigh in den folgenden 95 Minuten mit seltener Präzision und Genauigkeit erzählen wird.

Jeden Morgen scheint die pensionierte Lehrerin Kate (Charlotte Rampling) mit ihrem Schäferhund Max einen Spaziergang durch die nebelig graue und kahle Herbstlandschaft um ihr Landhaus in Norfolk zu machen. Doch dieser Spaziergang, mit dem der Film beginnt, wird sich nur noch am folgenden Tag, der mit dem Insert «Dienstag» eingeleitet wird, wiederholen, während Kate am Freitag lange im Bett bleiben wird.

Ein Detail mag dies sein, aber es ist eines der zahlreichen Details, in denen sich die Wandlung zeigt, die Kate in dieser einen Woche vor ihrem 45. Hochzeitstag durchmacht. 45 Jahre scheinen Geoff (Tom Courtenay) und Kate eine harmonische Ehe geführt zu haben, jetzt wollen sie den Hochzeitstag groß feiern, weil das Fest zum 40. aufgrund einer Bypass-Operation von Geoff ausgefallen ist. Doch in den fünf Tagen vor dieser Feier wird die Ehe schwer erschüttert.

Denn als Kate zum Haus zurückkehrt, kann sie gerade die Post in Empfang nehmen. Ein Brief für ihren Mann befindet sich darunter, in dem er erfährt, dass seine Jugendliebe, die 1962 bei einer Bergtour in der Schweiz bei einem Gletscherspaltensturz ums Leben kam, nun im Eis entdeckt wurde.

Der Brief ruft bei Geoff Erinnerungen wach. Zunächst denkt er daran in die Schweiz zu reisen, wird später auch ein Reisebüro aufsuchen, wird mitten in der Nacht im Dachboden nach alten Fotos und den damaligen Aufzeichnungen suchen.

Aus der Perspektive Kates blickt man auf Geoff, sieht nicht nur, wie ihn die Erinnerungen rühren und aufwühlen, ihn nach Jahren der Abstinenz wieder zur Zigarette greifen lassen, sondern auch wie Kate darüber zunehmend irritiert ist, sich und ihn zu fragen beginnt, welche Rolle diese Katya in seinem Leben spielte.

Macht Kate zunächst einen starken Eindruck, wirkt ihr Gesicht nun zunehmend eingefallen. War sie zunächst engagiert mit den Vorbereitungen für das Fest, dem Programmablauf, der Auswahl der Musik, so interessiert sie sich bald nicht mehr wirklich dafür, beginnt ebenfalls wieder zu rauchen und auch selbst im Dachboden über Katya nachzuforschen.

Zwar hat das Paar einst über Katya gesprochen, doch ging man dabei nie ins Detail, denn – wie Geoff erklärt - «mit der neuen Flamme spricht man ja nicht über eine frühere Liebe». Umso nachhaltiger wird jetzt die Beziehung erschüttert, denn Kate muss sich fragen, ob sie ihr ganzes Leben lang nur ein Platzhalter für die Verstorbene war.

Getragen von zwei großartigen Darstellern, die für ihr zurückhaltendes und gerade dadurch intensives Spiel bei der Berlinale zurecht mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurden, lotet Haigh in ruhigen, langen Einstellungen diese langsame Erschütterung von Kates Sicherheit und die Erosion der Beziehung aus.

Weil «45 Years» dabei ganz im Alltäglichen bleibt, auf Spektakel und zusätzliche Dramatisierung verzichtet, spricht dieses intime Drama den Zuschauer direkt an, zwingt ihn, sich zu fragen, wie er sich in so einer Situation selbst verhalten würde.

Geschlossenheit und Dichte gewinnt dieses leise Meisterwerk, das trotz des ernsten Themas stets von großer Leichtigkeit durchzogen ist, dabei auch durch die Konzentration auf das Paar, das Landhaus als zentralen Schauplatz und die Woche vor der Feier als Erzählzeitraum, der durch Inserts zu den Wochentagen strukturiert wird.

Die gedeckten Farben und die atmosphärisch stimmige Einbettung in die herbstlich-kahle und graue Landschaft, die auch als Metapher für das fortgeschrittene Alter gelesen werden kann, runden dabei den geschlossenen Gesamteindruck bestens ab. Denn auch vom Altern und der Vergänglichkeit erzählt dieser Film beiläufig, wenn betont wird, dass die Leiche, durch das Eis konserviert, unverändert ist, während Geoff doch gealtert ist und dieses Altern auch beim nicht mehr funktionierenden Sex deutlich wird.

Bis zum schweren Konflikt folgt Haigh so dem Paar, doch nach einem Schnitt fährt Kate wieder top geschminkt und der sonst eher ungepflegte Geoff für einmal rasiert, mit Fliege und schwarzem Anzug zum Fest. Offen lässt Haigh freilich, was dabei Spiel und Verdrängung ist, was echte Überwindung der Krise ist.

«Wir wollen wieder bei null anfangen» erklärt Kate zwar kurz zuvor, doch dass dies nicht so einfach ist, zeigt sich beim Fest. Da hält zwar Geoff unter Tränen eine Lobrede auf seine Frau und gemeinsam tanzen sie zum Platters-Oldie «Smoke gets in your Eyes», zu dem sie einst auch bei ihrer Hochzeit tanzten, doch in der Schlusseinstellung blickt Kate verloren in die Kamera. – Wie es mit dem Paar weitergehen wird, muss sich der Zuschauer selbst vorstellen: Irgendwie wird es wohl weitergehen, denn sich jetzt scheiden zu lassen, ist wohl auch keine Option, aber so wie vor dem Brief wird wohl nichts mehr sein.

Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 5.11., 20 Uhr; Fr 6.11., 22 Uhr; Sa 7.11., 22 Uhr (engl. O.m.U.)
Filmkulturclub Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 11.11., 18 Uhr; Do 12.11., 19.30 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «45 Years»

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