Crimson Peak

20.10.2015 Walter Gasperi

«Hüte dich vor Crimson Peak!», warnt der Geist der verstorbenen Mutter Edith schon im Kindesalter. Was es freilich mit dieser Warnung auf sich hat, wird ihr freilich erst Jahre später bewusst werden. – Guillermo del Toro mischt großartig Gothic Horror und Romantik, schwelgt in Farben, Kostümen und Kulissen, doch kann die formale Brillanz nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Geschichte in ausgetretenen Bahnen bewegt.


Neun Jahre nach seinem grandiosen «Pans Labyrinth» kehrt Guillermo del Toro zum Horrorfilm zurück, dem Genre, dem auch seine filmischen Anfänge in den 1990er Jahren zuzuordnen. Den doppelten Boden und die politischen Bezüge zur Herrschaft Francos, die sein Meisterwerk auszeichnen, sucht man in «Crimson Peak» allerdings vergebens.

Welche visuelle Opulenz der Mexikaner zu entfalten versteht, welches Gespür für Stimmungen und große Bilder er hat, beweist er freilich schon mit der ersten Einstellung, wenn er eine Frau in weißem Kleid mit blutroter klaffender Wunde im Gesicht und blutigen Händen in eine Schneelandschaft stellt.

Von diesem Endpunkt aus erinnert sich die Amerikanerin Edith (Mia Wasikowska) an das Begräbnis ihrer Mutter und diesmal hebt sich die schwarz gekleidete Trauergemeinde markant vom Schnee ab. Auch einen Geist lässt del Toro sogleich durchs Zimmer der kleinen Edith huschen und sie vor Crimson Peak warnen, lässt dabei aber auch die Möglichkeit offen, dass es sich um Alpträume des Kindes handelt.

Die Haupthandlung setzt 14 Jahre später, Ende des 19. Jahrhunderts, ein. Edith ist inzwischen erwachsen, als der schottische Adelige Thomas Sharpe (Tom Hiddleston) ihrem Vater, der ein erfolgreicher Bauunternehmer im Buffalo/New York ist, ein Geschäft vorschlägt.

Misstrauen hegt der Vater aber gegen den Briten, lässt einen Privatdetektiv Nachforschungen anstellen, dennoch verliebt sich Edith in den Adeligen, heiratet ihn bald und reist nach Europa. Doch im schon halb verfallenen Schloss fühlt sie sich zunehmend unwohl, von Geistern verfolgt und von der undurchschaubaren Lucille (Jessica Chastain), der Schwester von Thomas, bedroht. Langsam stößt sie aber auch auf Spuren eines finsteren Geheimnisses.

Was Lichtsetzung und Farbgestaltung, was Kulissen (Tom Sanders) und Kostüme (Kate Hawley) betrifft, ist dieser Film ein Traum. Da stehen den gelben und hellen Kleidern Ediths die dunklen Lucilles gegenüber und der scharlachrote Lehm kontrastiert das dunkle Schloss. Mächtig dreht auch immer wieder die Musik von Fernando Velázquez auf, das Sounddesign lässt das Schloss knarren und ächzen und Kameramann Dan Laustsen versteht es meisterhaft nicht nur diese optischen Reize ins Bild zu rücken, sondern auch einen Erzählfluss zu erzeugen.

Nicht nur die USA lässt del Toro hier auf England treffen, sondern stellt auch der Aufklärung, die er mit neuen Techniken von der Fotographie über das Auto bis zu logisch-kriminalistischem Vorgehen ins Spiel bringt, den Geisterglauben gegenüber.

Auch an den Schauspielern lässt sich nichts aussetzen. Großartig ist eine für einmal schwarzhaarige Jessica Chastain als undurchschaubare Schwester des Adeligen, stark spielt Tom Hiddleston als mehr getriebener und abhängiger als selbst agierender Baron. Ideal besetzt ist auch die zierliche Mia Wasikowska als zunächst schwache Edith, die langsam Kämpferqualitäten entwickelt.

Wohligen Grusel alten Stils erzeugt del Toro, der ganz ohne ironische Brechungen mit großem Ernst und Liebe zum Detail erzählt. Doch mehr als der Inhalt scheint ihn an diesem von ihm selbst zusammen mit seinem langjährigen Kollegen Matthew Robbins geschriebenen Drehbuch der formale Aspekt interessiert zu haben, sowie die Möglichkeit geschätzten Vorbildern seine Reverenz zu erweisen.

An Hitchcocks «Rebecca» fühlt man sich so ebenso erinnert wie im Finale auch an dessen «Notorious - Berüchtigt». Manche Szenen und Einstellungen wiederum lassen an William Wylers «Wuthering Heights» denken und die Geister an Jack Claytons «The Innocents – Schloss des Schreckens» und Robert Wises «The Haunting- Bis das Blut gefriert», die del Toro selbst als Vorbilder nennt. Und die Schneeszenen scheinen schließlich von Kubricks «Shining» inspiriert.

Stilvoll und nie aufdringlich werden diese Reverenzen in «Crimson Peak» - der Titel bezieht sich auf den Lehm, der den Schnee um das Schloss scharlachrot färbt - eingearbeitet, doch nur selten geht del Toro über diese Vorbilder wirklich hinaus. Dünn gesät sind irritierende und damit nachhaltig wirkende Bilder wie die von Ameisen, die einen Schmetterling fressen, oder später von Schmetterlingen, die sich im winterlichen Schloss ausbreiten.

Einfallsreich und durchaus auch geeignet um Alpträume zu erzeugen ist zwar die Gestaltung der Geister, doch auch diese können nichts daran ändern, dass «Crimson Peak» bei aller stilistischen Brillanz letztlich nicht über einen Mix aus klassischer Geistergeschichte und morbider bis monströser Liebesgeschichte hinausgeht.

Nur im Finale überschreitet diese Schauermär alle Grenzen, steigert sich zu einem maßlos überzogenen, im ursprünglichen Sinn des Wortes furiosen Showdown, den man in seiner Übersteigerung freilich auch lächerlich finden kann.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems und im Cineplexx Lauterach

Trailer zu «Crimson Peak»

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