Der rechte Krieg

11.10.2015 Haimo L. Handl

Als Russland die Welt, vor allem den Westen, der sich ja immer noch als DIE Welt versteht, etwas überraschte mit seiner Aufrüstung in Syrien und militärischen Hilfsaktivierung der Regierung, gab es sofort besorgte Warnungen über mögliche Eskalationen. Denn jetzt fliegen nicht nur die Amerikaner dort ihre Einsätze, sondern auch die Russen. Mit einem wichtigen Unterschied: die Russen erfüllen ihre Beistandsvereinbarung, die Amerikaner und ihre Verbündeten handeln als kriegerische Fremdmächte, die sich anmaßen zu verlangen, dass das Regime abtrete, dass ihr Einfluss, der amerikanische, zur bestimmenden Realität werde.


Die Art, wie schnell, oberflächlich und parteiisch fast alle wichtigen Medien in den Chor einstimmten gegen Russland, gegen den bösen Putin, zugunsten der „Friedensmacht“ USA, müsste doch jene, die noch ein wenig selbständig zu denken vermögen, aufhorchen lassen. Unsere Regierungen in Europa, im Schlepptau der Leitmacht, in Bütteldiensten der diktierenden Kriegsmacht Amerika, haben das öffentliche Denken schon so geformt, eingestimmt und präpariert, dass in einer beschämenden New Speak vom Gegenteil dessen gesprochen wird, wovon die Rede ist, dass Werte, die vorgeblich zentral oder wichtig seien für den Westen, auf den Kopf gestellt werden, ihre Vertreter aber auftreten, als ob sie den aufrechten Gang gingen, wiewohl sie als Kopffüßler dahinkreuchen und kollaborieren.

Schon wegen des enormen Flüchtlingproblems müsse man das Problem am Herd anpacken, dort versuchen, es zu lindern, heißt es. Ohne rot zu werden, ohne Stottern, quasseln die verantwortlichen Politiker den Sermon herunter, gleichzeitig peinlichst bedacht jene Macht, die uns, der Welt, dieses Dilemma wesentlich eingebrockt hat, zur Verantwortung zu ziehen bzw. den entscheidenden Schritt, wie er sich nach diesen Meldungen und Devisen aufzwänge, anzuvisieren. Denn so ein Schritt bedeutete Widerstand gegen die USA, Absage an ihre systematische Hegemonialpolitik, deren kriegerisches Resultat, neben anderen, eben auch Syrien ist.

Doch im Gegenteil wird jetzt um die islamofaschistische Türkei geworben, wird die Position des Islamisten Erdogan gestärkt, seine Politik der Kurdenverfolgung und -vernichtung unterstützt, nur, um die eigenen Kriegsziele zu stärken. Das Ganze verhökert man den Wählern und dem Publikum als verantwortliche Friedens- und Flüchtlingspolitik.

Eine Schriftstellerin, die auch als wache Journalistin arbeitet fragte mich in einem kürzlichen Gespräch, weshalb ich Putin unterstütze. Ich erklärte, es gehe nicht um Putin, sondern um realpolitische Aktionen und Maßnahmen, die ein Korrektiv der amerikanischen Kriegspolitik darstellen. Eben weil ich mich nicht von persönlichen Sympathien oder Antipathien leiten lasse, weil ich den Konflikt in einem größeren Ganzen sehe und von dort her deute, bin ich froh, dass Russland (noch) Stärke zeigt. Zuviel steht auf dem Spiel. (Dass Russland, wenn seine Interessen erfüllt scheinen, vielleicht Assad fallen lässt, ist dabei durchaus möglich…)

Ein Blick auf die horrible „Friedenspolitik“ im verbrecherischen Totalkrieg gegen den Terror, wie ihn George W. Bush vor Jahren enthusiatisch ausgerufen hat, zeigt klar die Entwicklung. Immer haben dabei die USA mit Unterstützung ihrer Verbündeten den Krieg ins Land gebracht und wesentlich ausgeweitet, immer operierten sie mit dem Begriff „Schurkenstaat“, als ob ihr Feind sich negativ von ihnen, dem eigentlichen Schurken, kontrastierte. Immer folgten unsere Regierungen, manche eher zögerlich, aber doch, und kollaborierten. Immer folgte die Presse, unterstützten die wichtigen Medien mit ihren „Experten“. Und jetzt der böse Putin als Gegenspieler des braven Obama. Die Peinlichkeit der Konstruktion lässt sich kaum mehr überbieten. Das kritische Denkvermögen scheint ausgeschalten, die Allianz der Kriegsbüttel allgegenwärtig und -mächtig. Wer lässt die Kriegsentwicklungen Revue passieren?

Krieg herrscht praktisch überall, sogar in Europa. Je nach Definition in Afrika 11, in Asien 8, in Lateinamerika gegenwärtig „nur“ einer, ebenso in Europa „nur“ mehr einer (Ukraine), in Nahost 10. Die Kriege im Mittleren Osten (inklusive Nahost) sind die heftigsten und gefährlichsten, und haben auch die direktesten Auswirkungen auf Europa. Viele dieser Kriege reichen länger zurück, haben ihre spezifische Geschichte, sind sozusagen Dauerbrenner. Sie beweisen, dass offensichtlich der Krieg als ultima ratio, als eigentliche Politik, keine Friedenslösungen brachte und bringt, dass eine „Befriedung“ nur mit größter Gewalt, mit Vernichtung, möglich wäre. Dieses Ziel wird nicht offen vertreten, aber die militärischen Schritte weisen dorthin. Allein, dass von Israel die Option eines Atomkrieges offen gehalten wird, belegt dies (oder will jemand behaupten, dass ein Nuklearkrieg einem konventionellen gleichzusetzen wäre bzw. eine annehmbare Befriedung sein könne?).

Was haben die jüngsten Kriege bzw. Kriegsentwicklungen gebracht, in Afghanistan (seit 1978!), im Irak (seit 1998), in Libyen und Syrien (seit 2011). Und, besonders wichtig, in Israel/Palästina, wovon viele schreiben, es gebe keinen eigentlichen Krieg mehr, die kleineren, kriegsähnlichen Konflikte seien von 2014, ganz jung, man werde den „Friedensprozess wieder aktivieren, obwohl dort ein Dauerkrieg herrscht, den die Israelis souverän bestimmen, obwohl jede Friedenslösung verhindert wird von den Israelis mit Hilfe ihres Großen Bruders?

Berücksichtigt man die anderen Kriegsschauplätze (Algerien, Ägypten, Tunesien, Jemen) bzw. auch die Bürgerkriegssituation in der Türkei (Kurden), sieht sich an, wer wie interveniert, rüstet und finanziert (Saudi Arabien, Katar; Iran), erhält man ein komplexes Bild, das verdeutlicht, welche Interessen vorherrschen, welche Richtung der Realpolitik anvisiert und durchzusetzen versucht wird.

In diesen Konflikten ist Europa Partei. Leider die falsche.

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