Sicario

06.10.2015 Walter Gasperi

Eine junge FBI-Agentin wird für eine Spezialeinheit rekrutiert, um Jagd auf den Boss eines mexikanischen Drogenkartells zu machen. – Denis Villeneuves blutiger Drogenthriller ist in der ebenso nüchternen wie konzentrierten Inszenierung nicht nur hochspannend, sondern wirft auch aufregend ambivalent moralische Fragen auf.


Wie lange offen bleibt wer der Titel gebende «Sicario», der Auftragskiller, ist, so bleiben auch die Rollen der Bosse der jungen FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt) lange Zeit undurchsichtig. Unvermittelt und hochdramatisch ist der Beginn mit einem Einsatz in einer Grenzstadt von Arizona. Geiseln des mexiaknsichen Drogenkartells sollen befreit werden, doch stattdessen findet Macer und ihr Team in den Wänden des Einfamilienhauses 42 halbverweste Leichen und zwei FBI-Beamte werden durch eine Sprengfalle getötet.

Weil Macer bei diesem Einsatz nicht nur die Grausamkeit des Kartells klar wird, sondern auch erkennt, dass sie immer nur kleine Fische schnappt, nimmt sie ohne Zögern das Angebot an, in einer Spezialeinheit mitzuarbeiten, die Jagd auf die Drahtzieher machen will. Bald muss sie dabei aber erkennen, dass ihr Boss (Josh Brolin) sich dabei nicht an Gesetze hält und undurchsichtig bleibt auch die Rolle des ehemaligen mexikanischen Staatsanwalts Alejandro (Benicio del Toro).

Brillant vermisst die Kamera von Roger Deakins immer wieder in Luftaufnahmen die Grenzregion zwischen Arizona und Mexiko, die Wüstenlandschaften des Südwestens ebenso wie die mexikanischen Städte und den mächtigen Grenzzaun. Wo freilich geographisch die Grenzen klar gezogen sind, da verschwimmen die moralischen zunehmend.

Dichte Atmosphäre erzeugt Deakins aber nicht nur durch diese Luftaufnahmen, sondern auch durch die grandiosen Totalen mit wechselndem Wetter von flirrender Hitze über Wolkenaufzug bis zu Gewitterblitzen. Gesteigert wird die Stimmung dabei noch durch den wuchtigen Soundtrack des Isländers Jóhan Jóhannsson.

Scheint freilich Macer zunächst agierende Protagonistin zu sein, deren psychische Anspannung Emily Blunt eindringlich vermittelt, so verliert diese Figur mit Fortdauer an Handlungsmöglichkeiten, wird zur Marionette degradiert. Zunehmend dient sie nur noch als Identifikationsfigur mit deren Augen der Zuschauer Einblick in die Methoden der Amerikaner im Drogenkrieg gewinnen soll.

Kaum etwas erfährt man über ihr Privatleben, ganz auf die Funktion innerhalb der Handlung bleiben die Figuren reduziert. Kurz scheint der Film zwar mit einer Affäre Kates ins Private abzugleiten, doch diese Episode nimmt sogleich eine überraschende und dramatische Wende.

In dieser Konzentration auf sein Thema, der dichten Handlungsentwicklung und dem nicht zuletzt aufgrund der ausgewaschen-schmutzigen Farben realistischen visuellen Look entwickelt «Sicario» Durchschlagskraft und vibrierende Spannung. Wie Kathrin Bigelow in «Zero Dark Thirty» vom «War on Terror» und der Jagd auf Osama Bin Laden, so erzählt Villeneuve hier vom Krieg gegen die mexikanischen Drogenkartelle.

Gemeinsam ist den Filmen auch die hyperrealistische Inszenierung, die durch Kameraarbeit und Schnitt den Zuschauer das Geschehen hautnah miterleben lässt. Da steigert sich die Entführung des Bruders des Drogenbosses aus dem mexikanischen Juarez in die USA gerade im Stau an der Grenze zu einer schweißtreibenden hochdramatischen Szene und bei einer Nachtaktion überträgt sich durch den Wechsel von Luftaufnahmen mit Nachtsichtkameras und Aufnahmen mit Wärmebild- und Nachtsichtkameras der Spezialeinheit die Anspannung und Unsicherheit der Einsatztruppe direkt auf den Zuschauer.

Klar macht Villeneuve dabei auch, dass es hier nicht mehr um Verbrechensbekämpfung geht, sondern ein regelrechter Krieg geführt wird, bei dem die amerikanischen Behörden die Grenzen der Legalität ohne mit der Wimper zu zucken überschreiten und auch private Racheinteressen für ihre Zwecke einsetzen.

Die einzig aufrechte Figur bleibt Macer, doch ihr Glaube an den Sinn des Gesetzes im Krieg der Wölfe wird zusammen mit dem des Zuschauers erschüttert. Denn wie in «Prisoners», in dem Villeneuve die Rollen von Opfer und Täter im Fall einer Kindesentführung ambivalent gestaltete, so entwickelt auch «Sicario» zusätzliche Spannung aus dem Verzicht auf eine klare Positionierung.

Klar deckt der Frankokanadier die schmutzigen Methoden der USA, die ihre Handlanger auch foltern lässt, und ein Taktieren, das mehr auf Stabilisierung der Situation als Unterbindung des Drogenhandels hinausläuft, auf, und lässt die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Denn nicht weniger brutal wie die Kartelle agieren hier die US-Behörden.

Im nüchtern-schonungslosen Blick überlässt es Villeneuve freilich jedem Zuschauer selbst die Frage zu beantworten, welche Mittel in diesem Drogenkrieg, in dem mit Recht und Gerechtigkeit nichts mehr zu erreichen ist, zulässig sind. Es ist auch diese Offenheit, die diesen hochspannenden Thriller über das Ende hinaus nachwirken lässt.

Läuft derzeit in den deutschen und österreichischen und ab Donnerstag in den Schweizer Kinos

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