Alles steht Kopf - Inside Out

29.09.2015 Walter Gasperi

Was geht im Kopf eines elfjährigen Mädchens vor, welche Gefühle treten auf? – Nicht von außen blicken Pete Docter und Co-Regisseur Ronaldo del Carmen im 15. Pixar-Langfilm auf die kleine Riley, sondern erzählen aus dem Innern ihres Kopfes heraus. Das Ergebnis ist ein mitreißender, unglaublich einfallsreicher und bewegender Animationsfilm für Jung und Alt, in dem gleichzeitig eine Fülle psychologischer Themen angerissen wird.


«Surprise Me!» forderte der Gourmet-Kritiker im Pixarfilm «Ratatouille» (2007) von den Köchen und NZZ-Filmchef Christoph Egger übertrug anlässlich seiner frühzeitigen Pensionierung diesen Wunsch auf den Filmkritiker.

Mit Überraschungseffekten punktete auch immer wieder das Pixar-Studio, schuf immer wieder neue, begeisternde Welten von den Spielzeugfiguren in den drei «Toy Story»-Filmen (1995 - 2010) über die «Monster AG» (2001) und die zerstörte Erde in «Wall E» (2008) bis zum phantastischen «Up - Oben» (2009).

Und doch ebbte langsam die Begeisterung etwas ab, begann das Studio sich doch speziell mit «Cars 2» (2011) zu wiederholen und auch mit den «Toy Story»-Fortsetzungen und «Die Monster Uni» (2013) bei allem Einfallsreichtum und aller Virtuosität dieser Filme dem beliebten Trend zu Sequels zu folgen.

Umso überraschender kommt deshalb nun «Alles steht Kopf – Inside Out», dem zwar ein simpler Gedanke zugrunde liegt, den über 90 Minuten zu entwickeln aber wiederum ein Höchstmaß an Einfallsreichtum, Gespür für Handlungsaufbau und Figurenzeichnung voraussetzt.

Wie gewohnt startet aber ein Pixar-Animationsfilm mit einem Vorfilm. «Lava» heißt dieser charmante Aperitif dieses Mal und erzählt am Beispiel von zwei Vulkanen davon, wie lange zwei Artgenossen manchmal brauchen, bis sie zueinander finden und «I lava You» singen können.

Einfach ist auch die äußere Handlung des Hauptfilms, in der Pete Docter der zusammen mit Ronaldo del Carmen Regie führte, von der elfjährigen Riley erzählt, die mit ihren Eltern von Minnesota nach San Francisco übersiedelt, einen wenig erfreulichen ersten Schultag erlebt und von Heimweh geplagt wird. Grau in grau ist folglich die Welt von Riley, knallbunt dagegen ist es im Innern ihres Kopfes, in dem sich die inhaltlich unglaublich reiche Haupthandlung abspielt.

Die immer optimistische Freude in Gelb leuchtendem Kleid, die blaue, stets niedergeschlagene und langsame Traurigkeit, der rote Zorn, der grüne Ekel und die hagere graue Angst sitzen hier in einer Kommandozentrale, die an «Raumschiff Enterprise» erinnert, und steuern Rileys Gefühle. Probleme gibt es, als Freude und Traurigkeit durch ein Missgeschick aus der Zentrale herausgerissen werden. Mühsam müssen sie sich jetzt nämlich quer durch das Gehirn zurückkämpfen.

Ein simpler Abenteuerfilm könnte das sein, doch Docter und sein Team entfliehen nicht in die Fantasie, sondern spielen virtuos mit wissenschaftlich erforschten Prozessen im Gehirn. Da muss das Duo nicht nur einen Weg durch das Labyrinth des Langzeitgedächtnisses finden, sondern wird auch damit konfrontiert, dass Erinnerungen verblassen oder eben von Müllmännern entsorgt werden können.

Das Abstrakte wird hier in konkrete Erzählung umgesetzt, der auch Kinder folgen können, die aber auch Erwachsenen jede Menge Stoff zum Nachdenken gibt. Denn so anschaulich und eingängig wie hier, wurden wohl selten die Stufen der Abstraktion erklärt oder das Unterbewusstsein vermittelt, so lustvoll wie im «Traumstudio» dieses Films – ein Seitenhieb auf Hollywood -, wurde wohl noch nie gezeigt, wie Träume entstehen und wie sich der Mensch gegen das Aufwachen wehrt und so konkret und nachhaltig wie hier bei einem Sturz in ein schwarzes Loch auf die «Müllhalde des Vergessens» wurde einem wohl auch noch nie bewusst gemacht, was vergessen heißt.

Unter Zeitdruck stehen Freude und Traurigkeit bei ihrem schwierigen und gefährlichen Rückweg, erhalten aber Unterstützung von Rileys imaginärem Freund Bing Bong, einer hinreißenden Mischung aus Zuckerwatte, Katze, Elefant und Delphin, den sie in der Fantasiewelt treffen.

Tatenlos müssen sie aber zusehen, wie Rileys Gefühlwelt aufgrund ihres Fehlens immer instabiler wird, ihre Anker des Lebens von der Quatschinsel, die für die Lust am Spaß steht, über die Freundschaftsinsel und ihr Hobby Eishockey bis zur Familieninsel wegbrechen oder wegzubrechen drohen.

Im Minutentakt wird man hier mit psychologischen Themen konfrontiert, doch perfekt ist diese „wissenschaftliche“ Ebene in die rasante Erzählung integriert, bei der Docter leichthändig zwischen dem Mädchen, den Aktionen von Wut, Angst und Ekel in der Kommandozentrale und der im Zentrum stehenden und mit zahlreichen spektakulären Momenten gespickten Reise von Freude und Traurigkeit wechselt.

Zweifel, dass die Geschichte gut ausgehen wird, kommen wohl kaum auf, dennoch bleibt «Alles steht Kopf» bis zum Ende hochspannend und das Ziel wird auch nur durch ein selbstloses und bewegendes Opfer erreicht. Doch auch dann verfällt der Film nicht in Jubelstimmung, sondern lässt Freude erkennen, dass Traurigkeit genauso wie Wut, Angst und Ekel zum Leben dazugehört, man sie nicht ausschließen, sondern zulassen muss und auch akzeptieren muss, dass manche Erinnerungen im Lauf der Jahre eben auch blau oder etwas traurig werden.

Läuft ab 1. Oktober in den Kinos

Trailer zu «Alles steht Kopf - Inside Out»

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