Die Zukunft

27.09.2015 Haimo L. Handl

In der U-Bahnstation springt mir ein Werbepalakt ins Auge: «Die Zukunft wartet nicht». Die New Design University aus St. Pölten bewirbt ihr Angebot und ergänzt mit dem Hinweis «Querdenker gesucht».


Unwillkürlich anerkenne ich die Smartness und Cleverness der Werbestrategen, Wartende zu warnen, dass die Zukunft nicht wartet. Aber der Denkhintergrund kippt sofort die vermeintlich positive Warnung und Animation oder Aufforderung, weil die Zukunft nicht wartet, rasch zu handeln, indem man sich z.B. als Studentin oder Student, vor allem, wenn man Querdenkerin ist, einzuschreiben, ins Umgekehrte, ins Negative.

Denn der Satz und das ihm zugrunde liegende Denken gehen von einem gesicherten Wissen der Zukunft aus, das einer Verfügungsgewalt entspricht. Die Zukunft ist hier nicht mehr offen. Wer nicht gleich entscheidet und handelt, der kommt zu spät, der verliert, weil die Zukunft, als ob sie eine selbständige Akteurin wäre, nicht wartet. In dieser falschen Auffassung zeigt sich aber auch eine ungehörige Portion von Gängelung und Angstmache. Denn auch der oder diejenige, die alle Maßnahmen für die Zukunft treffen, die ihnen tauglich scheinen oder die, wie hier, ihnen als tauglich suggeriert werden, haben keinerlei Garantie.

Mit dem Zuspätkommen operieren ist nicht nur dumm, sondern böse. Man hört das oft: Ja, früher hätte man Immobilien erwerben sollen, früher war es billiger. Das heißt, alle, die jetzt geboren werden oder aufwachsen, sind schon zu spät dran, denn früher war früher und die damalige Zukunft hat ja nicht gewartet. Ein Humbug sondergleichen. Die Werbesprache verrät das inhumane Menschenbild. Im Bildungsbereich widerspricht es der ureigensten Auffassung von Bildung als Mittel der Veränderbarkeit. Was soll verändert werden, wenn man zu spät kommt, die Zukunft geschlossen ist, abwesend, weil sie ja nicht wartet(e)? Das geschlossene Zukunftsbild widerspricht nicht nur dem grundsätzlich Offenen des Daseins, sondern untergräbt Hoffnung und Ausrichtung über den Tag hinaus. Es gilt ein Gegenwärtiges, das zu kurz gefasst eine bornierte Beschränkung darstellt. Denn jede Gegenwart wandelt sich kontinuierlich in Vergangenheit, während, was als zukünftig gesehen werden kann, in die Gegenwart fällt. Ohne Vergangenheit UND Zukunft keine Gegenwart.

Die New Design University ist eine Einrichtung der Wirtschaftskammer Niederösterreich und wurde von ihr im Verbund mit dem WIFI 2004 gegründet. Laut Angaben, die im Internet zu finden sind, studieren dort ca. 400 Studentinnen und Studenten. In der Internetseite der NDU findet man keine Zahlenangaben, dafür in der Selbstdarstellung unter anderem den beispielhaften Satz: „Als internationaler und lebensnaher Ort für anspruchsvolle Ausbildung in den Bereichen Design, Technik und Business, bildet die NDU kreative Köpfe aus, die den Wandel der Gesellschaft vorantreiben und sich mit den Arbeits- und Gestaltungsprozessen der Zukunft bereits heute auseinandersetzen.“

Der Satz belegt das geringe Vertrauen in die eigene Örtlichkeit (oder Herkunft und Identität). Der Rekurs auf Internationalität soll aufwerten. Vielleicht befürchten die Wirtschaftsmacher das Image des Provinziellen von St. Pölten und Niederösterreich. Und solche Leute wollen den Wandel der Gesellschaft befördern, ja sogar mit den Arbeits- und Gestaltungsprozessen der Zukunft bereits heute sich auseinandersetzen. Wie? Was zeichnet eine Zukunft aus, die in der Gegenwart schon auseinandersetzbar sein soll? Man kann hinsichtlich einer geplanten oder erwarteten Zukunft handeln, aber alle Unternehmungen sind in der Gegenwart gesetzt, kein Prozess ist ein zukünftiger, sondern soll im besten Falle dorthin führen.

Und wie ist der Appell an Querdenker zu werten? Früher wurde von der Vorhut als Positivem gesprochen, der Avantgarde. Der Begriff lag zumindest in der Richtung einer Zielorientierung. Heute widersprechen Querdenken und Querdenker so einer Zielrichtung, weil der Querdenker ja nicht zielorientiert vorwärts arbeitet, sondern querfeldein. Dass in einer Gesellschaft das Quere zu so einem Positivum werden konnte, lässt Rückschlüsse auf die Verkehrtheit der Grundorientierung der Organisation zu (Firma, Einrichtung, Körperschaft, Gemeinde, Land, Staat), denn nur, wenn diese Ausrichtung falsch ist, verspricht der Querweg Erfolg. In einem falschen, fehlerhaften System kann Querdenken wichtig werden. Sonst blockiert es, weil quer, den Entwicklungsvorgang, die Innovation.

Eine Universität bietet nicht nur Ausbildung, sondern Bildung. Ausbildungen als Primärziel sind Fachhochschulen oder Vocational Training Centers vorbehalten. Der Niedergang der universitären Bildung zeigt sich nicht nur im dokumentierten Sprachgebrauch als Widerspiegelung eines bornierten Denkens, sondern auch in der Aussage, dass die NDU (nur) ein Ort sei für „anspruchsvolle Ausbildung“. Aber Ausbildung ist weniger als Bildung. Das belegt nicht zuletzt der Marketingjargon der NDU.

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