Schuld an allem sind die Füchse

22.09.2015

17.09.2015 bis 03.10.2015  

Nebel hängt in der Feldkircher Johanniterkirche. Der Raum ist in ein düster-beklemmendes Nachtblau gehüllt. Die Zuschauertribühne erhebt sich aus dem Altarrbereich empor. Die Besucher des Stückes blicken auf drei längliche Tische, die in völliger Reduktion einen ganzen Bauernhof repräsentieren. Dahinter, am Boden des Kirchenschiffes, eine eingezogene Wasserfläche. Die Stirnseite und die Wände links und rechts markieren eindringliche gemalte Waldszenerien des Kärntner Künstlers Markus Orsini-Rosenberg. Man nimmt die Bilder aber nur marginal wahr, denn zu sehr verschmelzen sie mit dem Dunkel des Interieurs.


Aber es besteht die Möglichkeit, die «Ausstellung» respektive das Bühnenbild zu «Foxfinder» während des Tages zu besichtigen. Insgesamt vermittelt die von Marie Luise Lichtenthal ausgedachte abstrakte Stückausstattung, die die Ausstrahlungsdichte des sakralen Raumes stark mit einbezieht, etwas Gespenstisches und Furchterregendes, wie dies beispielsweise auch bei den Moorlandschaften der Sherlock-Holmes-Verfilmungen evident wird. Und das preisgekrönte Stück der 1978 in Stroud/Gloucestershire geborenen und heute als Dramatikerin, Hörspiel-und Drehbuchautorin in London lebenden Britin spielt denn auch in einer ländlichen Gegend in England. Wasserfläche, Bilder und Lichteffekte tauchen die Szenerie in eine Art von Dauernässe. Typisch britisch, möchte man sagen.

Lichtenthals einfühlsames Bühnenbild ergibt die Kulisse für ein totalitär regiertes Land, in welchem der Staat die gesamte Kontrolle über die Bürger erlangen will. Der Hof von Samuel und Judith Covey, der durch mehrere Missernten ins Schleudern geraten ist, wird zum Objekt einer behördlichen Untersuchung. Samuel und Judith, in der Johanniterkirche brilliant gespielt von Marc Fischer und Martina Spitzer, die vom plötzlichen Tod ihres Sohnes zusätzlich geschockt sind, werden zur Zielscheibe des jungen «Foxfinders» William Bloor, der sich zum Zwecke seiner Ermittlungen bei ihnen einquartiert. Nach Ansicht des Regimes ist nämlich der Fuchs an allem Elend schuld. Er ist der Todfeind der Menschen. Er kontaminiert die Bauernhöfe. Er beeinflusst das Wetter. Er manipuliert den Verstand und tötet unschuldige Kinder.

Rafael Schuchter bringt die Besessenheit des ominösen Foxfinders, der wie eine Keule in den Alltag der Bevölkerung fährt und das soziale Dorfgefüge destabilisiert, glaubhaft rüber. Er sät Misstrauen und bewegt die befreundeten Höfe zu gegenseitigem Verrat. Maria Hofstätter, welche die Rolle der denunzierenden Nachbarin Sarah Box übernommen hat, erhält zwar bei diesem Stück relativ wenig Bühnenpräsenz, aber wenn sie ins Geschehen eintaucht, dann mit eindringlicher Unmittelbarkeit.

Dawn King verortet ihre gleichnishafte Geschichte, die sich mit totaler Überwachung und Kontrolle, Totalitarismus, Denunziantentum, aber auch mit den Schwächen des Menschen, dem das eigene Hemd immer am nächsten ist und sich leicht zu Verrat missbrauchen lässt, in einer archaisch anmutenden Welt. Der unvermittelte Einbruch des Fremden ins ganz alltägliche Landleben, in dem Vieh gefüttert, Lauch geerntet und Mittagessen gekocht werden, trägt durchaus auch absurde Züge. Regisseurin Susanne Lietzow hat den dramaturgischen Verlauf des Stückes eindrücklich auf die Bühne respektive in die Kirche gebracht. Wobei sie sich bei ihrer Auslegung des Foxfinders eng an die Textvorlage Kings hält und darauf bedacht ist, dass die SchauspielerInnen ihre Stärken ausspielen können. Der Umstand, dass auf viele Requisiten verzichtet wird und beispielsweise das Schöpfen von Lauchsuppe, das Quietschen der Türen oder das Plätschern des Regens, nur durch Mimik und Soundtechnik angedeutet wird, macht aus dem Stück nicht nur eine von Bühne, Kirchenraum und Gemälden gespeiste visuelle Besonderheit, sondern auch ein akustisches Wahrnehmungserlebnis.

Verschiedene Kritiker spüren in Dawns «Foxfinder» Einflüsse von Arthur Miller und Franz Kafka. Sie attestieren dem Stück aber dennoch eine unverwechselbare Eigenständigkeit und loben es entsprechend hoch. Trotzdem: Auch wenn die in «Foxfinder» thematisierte «Überwachung» hochaktuell ist, mutet die von Dawn exerzierte Umsetzung des Stoffes in gewissem Sinne doch auch antiquiert an. Denn heute stellt man sich die totale Überwachung und auch den inviduellen Verrat völlig anders vor. Nicht zuletzt durch die Aufdeckungen des jetzt im russischen Exil lebenden Whistleblowers Edward Snowden weiss man ja, dass etwa der US-Geheimdienst NSA (National Security Agency) in der Lage ist, Staaten, Politiker und Bürger komplett auszuspionieren, abzuhorchen und zu kontrollieren. Die technischen Möglichkeiten sind heute soweit fortgeschritten, dass der Arm der Obrigkeit bis in die Schlafzimmer der unschuldigen Bewohner reicht. Und umgekehrt können etwa Social Media mit ihrem Potenzial zu Vernetzung und Demokratisierung auch nicht wenig dazu beitragen, dass Diktatoren gestürzt werden, wie dies etwa anhand des Arabischen Frühlings nachzuvollziehen wäre.

Auch im privaten Bereich findet Diffamierung und Anschwärzung heute vor allem über die sozialen Medien im Internet statt. Die Schranken für Intrigen und Untergrabungen sind hier noch niedriger als in der Mund-zu-Mund-Kommunikation. Man muss nur einen Button drücken, und alles ist öffentlich.

Und grundsätzlich spricht man heute von «Big Data» anstatt von «Big Brother». Internetriesen wie Google, Amazon oder Facebook verfügen über derart ausgeklügelte Analysetools, dass sie jedes x-beliebige Profil der BürgerInnen dieser Erde anlegen können. Sie sind die eigentlichen Überwachungsweltmeister von morgen. Von diesem Aspekt aus wirkt das Stück nicht als Utopie, so wie im Begleittext postuliert, sondern eher rückwärtsgewandt. Es erinnert an die dunklen Perioden des vergangenen Jahrhunderts. Wobei sich die Menschen im Kern allerdings nicht verändert haben. Sie richten ihr Fähnchen immer nach dem Wind. Dies belegt das Stück sehr gut. (Karlheinz Pichler)


Dawn King - Foxfinder Österreichische Erstaufführung
Realisiert vom Projekttheater in der Feldkircher Johanniterkirche

Weitere Vorstellungen:
23., 24., 25., 26., 28. September; 1., 2., 3. Oktober, jeweils 20 Uhr
Theatermontag - 2 kommen 1 zahlt: 28. September


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weiterführende Links:

http://new.projekttheater.at/

  • Rafael Schuchter als 'Foxfinder'; Foto Karlheinz Pichler
  • Marc Fischer u. Martina Spitzer; Foto Karlheinz Pichler
  • Foxfinder Team; Foto Projekttheater

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