Ausbildung ist Bildungaus

20.09.2015 Haimo L. Handl

Die Schulzeit hat wieder begonnen. Ob es inzwischen eine Bildungsreform gab oder nicht, weiß fast niemand; das Thema ist irgendwie abwesend in den Medien. In Kürze öffnen die Universitäten wieder ihre Tore und bieten uns ein ähnliches Bild: Nichts Neues im Land. Alles beim Alten. Stimmt das?


Es gibt keine Hauptschulen mehr für Erstklassler. In Wien wollen die Grünen die Bildung sichern, die Roten ihr Wiener Modell bewahren und bewähren, während die Industriellenvereinigung, dem Zug der Zeit folgend, frecher und nachdrücklicher noch stärker für eine Trainingsschule plädiert, die vor allem business-like Funktionstypen produziert. Die ÖVP als Sprachrohr der Corporate Speak versucht dies zu untermauern unde die Bemühungen der „roten“ Bildungsministerin Heinisch-Hosek, doch noch bis Mitte November eine Miniart von Bildungsreform durchzubringen zu torpedieren. Mit Erfolg, wie man sieht.

Trotzdem fällt auf, dass das Thema keines ist und in den Medien praktisch unsichtbar; eine im Sommer vorgestellte Studie zur Medienpräsenz wichtiger Themen belegte dies. Es gibt immer etwas Wichtigeres als Bildung, sei es Schule oder Hochschule. Die Wirtschaftsfragen, die kleine Steuerreform, neue Uniformen für das AUA-Personal, Glamourfestivaltourismusevents, die Flüchtlinge, die Asylanten, der Grenzschutz, das organisierte Verbrechen, die Einkaufstour der ÖVP von Abgeordneten, die Zelte für Asylsuchende, die überfüllten Lager, die Quartiersuche, der Heimatschutz, beanspruchen alle Aufmerksamkeit. Sogar die Korruptionsbekämpfung und –ahndung gerät ins Hintertreffen wegen dieser Dringlichkeiten.

Wenn von Bildung geredet wird, dann von Ausbildung, Training, Kompetenzen. Bessere Lehrerausbildung, moderne Lehrmittel, Kompetenzen, Coaching. Für Bildung, die über direkt Verwertbares hinausgeht, die vermeintlich Luxuröses, Unnötiges lehrt wie Kulturwerte, Sprache, Literatur, Musik, Musisches also, das „nichts bringt“, liegt außerhalb des Fokus, wird weiter reduziert. Die primären Werte müssen sich in einer Corporate Speak klar und präzise nennen lassen, müssen diesem Rahmen entsprechen. Alles Andere ist obsolete. Deshalb trainieren die Politiker ihre Parteisprache (Corporate Lingo), fördern die Business Speak, Manager Speak und dergleichen, vertiefen für die Funktionstypen den Workplace Jargon, festigen die Verbürokratisierung durch Pseudo Speak eines gepriesenen Individualismus, der ein großes, weites Betrugsprogramm darstellt.

Für diesen organisierten Großbetrug darf es nur Ausbildung geben, keine Bildung. Nicht nur aus Kostengründen, sondern aus ideologischen. Es gibt ganz wenige Kritiker dieses Unterfangens, dieser Unkultur, aber viele, viele Experten, die das begrüßen und fördern.

Eine Gesellschaft, die so konsequent Unbildung oder maximal Halbbildung übt, schwächt ihr Werteverständnis, ihr Orientierungsvermögen. Das lässt sich konkret an den Politiken, am Sozialverhalten ablesen. Aber das kümmert die PISA-Typen nicht, und noch weniger die Corporate People, die den Ton angeben. Wir haben einen Preis dafür zu bezahlen. Jetzt schon.

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