Der dritte Mann

01.10.2015 Walter Gasperi

Ein Amerikaner kommt nach dem Zweiten Weltkrieg ins zerbombte Wien und sucht nach seinem angeblich verstorbenen Freund Harry Lime. Carol Reeds zeitloser Klassiker, der vom British Film Institute zum besten britischen Film des 20. Jahrhunderts gewählt wurde, ist bei StudioCanal in einer digital restaurierten Fassung mit zahlreichen Extras auf DVD und Blu-ray erschienen.


Es gibt Filme, denen die Zeit nichts anhaben kann, die mit zunehmendem Alter sogar besser werden, deren Qualitäten immer heller strahlen und die man auch immer wieder sehen kann, ohne dass sie an Wirkung verlieren würden. Man kennt zwar die Handlung, dennoch langweilen sie keine Sekunde, denn die Atmosphäre ist so dicht, die Figuren so vielschichtig, dass man immer wieder neues entdeckt.

«Casablanca» gehört dazu, die großen Filme von Ford, Hawks und Hitchcock oder eben Carol Reeds 1949 im Nachkriegswien gedrehter «Der dritte Mann». Das liegt nicht nur an der großartigen Atmosphäre, die durch den Dreh am Originalschauplatz, die Zweisprachigkeit, weshalb unbedingt die Originalfassung der synchronisierten vorzuziehen ist, und die brillante Kameraarbeit von Robert Krasker entstehen.

Eindringlich vermittelt Krasker in den gekippten Einstellungen, wie die Welt aus dem Lot geraten ist, erzeugt mit den zahlreichen Nachtaufnahmen und der expressionistischen Ausleuchtung mit langen Schatten eine düstere Stimmung, die durch die Ruinen der zerbombten Stadt noch gesteigert wird.

Bestechend ist auch der Aufbau der Handlung, die mit der Ankunft des amerikanischen Westernautors Holly Martin (Joseph Cotten) einsetzt, der von seinem Freund Harry Lime in die Donaumetropole eingeladen wurde. Doch Lime ist inzwischen bei einem Autounfall ums Leben gekommen und Martin kommt gerade noch zu dessen Beerdigung. Als er Nachforschungen anzustellen beginnt, stößt er auf Ungereimtheiten, entdeckt schließlich, dass der Tod Limes, der ein skrupelloser Penicillin-Schieber war, nur vorgetäuscht war, bis der Film spiegelbildlich zum Beginn wieder mit einem Begräbnis endet.

Wohl keine 15 Minuten ist der von Orson Welles gespielte Harry Lime im Bild, wird aber von Anfang an zur übermächtigen Figur hochstilisiert, da immer von ihm die Rede ist, sich alles um ihn dreht. Wie er dann nach einer Stunde erstmals auftritt, wenn von einem Scheinwerfer das Gesicht des sich in einem Hauseingang Versteckenden angestrahlt wird, gehört ebenso zu den großen Momenten der Filmgeschichte wie seine Riesenradfahrt mit Martin, bei der er seine Verbrechen mit der berühmten «Kuckucksuhr-Rede» rechtfertigt, oder die finale Verfolgungsjagd durch die Kanalisation von Wien. Deren Spuren folgt inzwischen eine spezielle Stadtführung.

Nur wenige Filme gibt es wohl, von denen so viele Szenen legendär sind, so viele haften bleiben, denn zu den schon erwähnten kommen auch noch die Schlusseinstellungen auf dem Friedhof, in denen Anna (Alida Valli) auf einer endlos langen Allee lange auf Martin zugeht und dann, ohne ihn eines Blicks zu würdigen, an ihm vorbeigeht.

Denn «Der dritte Mann», zu dessen Berühmtheit zweifellos auch die großartige Zithermusik von Anton Karas beitrug, erzählt eben nicht nur ausgesprochen raffiniert eine Kriminalgeschichte, sondern auch von einer unglücklichen Liebe und eben auch von Freundschaft und Verrat und auf der anderen Seite von unverbrüchlichem Festhalten am Geliebten, obwohl man sich seiner Verbrechen bewusst ist. Nichts wirkt im Drehbuch von Graham Greene aufgesetzt oder gezwungen, sondern ganz selbstverständlich sind die Motive meisterhaft dicht verflochten.

Die Stimmung des amerikanischen Film noir mischt sich hier mit Reminiszenzen an Fritz Langs «M», wenn ein Junge mit Ball auftritt oder ein Luftballonverkäufer eine Polizeiaktion gefährdet, und ein Auftritt Martins bei einer Literaturveranstaltung lässt an Filme Hitchcocks denken. Holpriges Zitat ist hier freilich nichts, sondern alles fügt sich zu einem homogenen und originären Ganzen.

An Sprachversionen bieten die bei StudioCanal erschienene Doppel-DVD und Blu-ray die unbedingt vorzuziehende englisch-deutsche Originalfassung sowie die deutsche und die französische Synchronfassung sowie Untertitel in diesen drei Sprachen. Reichhaltig sind auch die Extras. Einen Audiokommentar des Regieassistenten Guy Hamilton zusammen mit Simon Callow und Angela Allen vom zweiten Aufnahmeteam gibt es hier ebenso wie Features zur digitalen Restaurierung des Films und zu dessen Einfluss auf Filmemacher, in dem unter anderem Martin Scorsese und John Sayles einzelne Szenen analysieren. Vielfältige Hintergrundinformationen bietet auch die 90 minütige Dokumentation «Shadowing the Third Man - Auf den Spuren des dritten Mannes», in der Frederick Baker mit zahlreichen Filmausschnitten und Interviews den Darstellern und Schauplätzen dieses Klassikers nachspürt.



Trailer zu «Der dritte Mann»

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