Everest

22.09.2015 Walter Gasperi

Im Mai 1996 kam es am Mount Everest zur Katastrophe, als sich einerseits die zahlreichen Expeditionen fast auf die Füße standen, andererseits das Wetter plötzlich umschlug. Baltasar Kormákur zeichnet die dramatischen Ereignisse in – zumal im IMAX-Kino - großartigen 3D-Bildern und starker Tonkulisse nach, bleibt aber zu sehr an der Oberfläche, als dass «Everest» mehr als packendes Spektakelkino bieten könnte.


1996 landete der amerikanische Journalist und Bergsteiger Jon Krakauer mit seinem Tatsachenbericht «In eisige Höhen», in dem er die tragischen Ereignisse am Mount Everest im Mai 1996 schilderte, einen Bestseller. Nicht nur für einen Fernsehfilm («In eisige Höhen – Sterben am Mount Everest»), sondern auch für eine Tanzperformance diente Krakauers Buch als Vorlage.

Der Autor kommt zwangsläufig auch in Kormákurs Film als Mitglied der Expedition des neuseeländischen Unternehmens Adventure Consultants vor, bleibt aber eine Nebenfigur (Michael Kelly). Nicht nur Krakauers Bericht verwendeten Simon Beaufoy und William Nicholson für ihr Drehbuch, sondern auch die Schilderungen des Kasachen Anatoli Boukreev («The Climb»), des Texaners Beck Weathers («Left for Dead») sowie der Dänin Lene Gammelgaard («Climbing High»), die ebenfalls Teilnehmer der Expedition waren und die Ereignisse teilweise ganz unterschiedlich sehen.

Im Mittelpunkt steht Rob Hall (Jason Clarke), der Chef von Adventure Consultants, mit dem Anfang der 1990er Jahre die Kommerzialisierung der Everest-Expeditionen begann. Kurz wird in Inserts auf diese Entwicklung hingewiesen, die bald zur Gründung anderer ähnlicher Unternehmen und einem Ansturm auf den Everest führte, bei dem sich auch Hobby-Bergsteiger gegen rund 65000 Dollar auf den Gipfel führen lassen konnten.

Ganz auf die Ereignisse im Mai 1996 konzentriert sich «Everest», beginnt mit der Vorstellung des Teams von Hall und der Verabschiedung von seiner schwangeren Frau (Keira Knightley). In wenigen spektakulären Aufnahmen lässt Kormákur in dem teils an Originalschauplätzen in Nepal, teils im Südtiroler Schnalstal sowie im Studio in Rom und London gedrehten Film die Truppe in Kathmandu landen und zum Basislager vorstoßen. Hier kommt nicht nur die Leiterin des Camps (Emily Watson) ins Spiel, sondern auch andere Expeditionen wie die des Amerikaners Scott Fischer (Jake Gyllenhaal), die zum selben Zeitpunkt wie Hall den Gipfel erklimmen wollen.

Beiläufig werden Hall und Fischer, die von Jason Clarke und Jake Gyllenhaal stark gespielt werden, als konträre Typen gezeichnet, als etwas flippiger, dem Alkohol nicht abgeneigter Draufgänger der Amerikaner Fischer, als besonnener Bergsteiger, der sich stets um seine Kunden bemüht und sich für sie verantwortlich fühlt der Neuseeländer Hall. Weiter getrieben wird dieser Aspekt aber nicht, denn im Mittelpunkt steht der Weg auf den Berg, der beide wieder verbindet.

Mit Datums-Inserts werden die sich über rund einen Monat hinziehende Akklimatisierung und Vorbereitung im Basislager strukturiert, ehe der Gipfelsturm beginnt, der in der Tragödie endet.

Die Frage, wieso man sich das antut und dieses Risiko eingeht, wird von Krakauer nur kurz aufgeworfen, wenig ergiebig sind die Antworten, die von «weil der Berg da ist» bis zu «weil ich ihn besteigen kann und diese Fähigkeit nicht verschenken darf» reichen. Nur am Rande will «Everest» auch eine Auseinandersetzung mit den Gefahren des Expeditionstourismus sein, in erster Linie soll packende Unterhaltung geboten werden.

Dies gelingt Kormákur dank der genau getimten Mischung von großartigen Totalen der majestätischen Berglandschaften, um die die Kamera von Salvatore Totino kreist, um dann in Abgründe zu blicken, und Nahaufnahmen, die die Anspannung bei Spaltenüberquerung und die extremen Bedingungen den Zuschauer hautnah miterleben lassen, über weite Strecken großartig. Selten erlebte man einen plötzlich losbrechenden Sturm wohl im Kino – zumal im IMAX 3D – so intensiv. Kontinuierlich steigert Kormákur die Qualen der Tour, lässt die Lage immer aussichtsloser werden. Die Ereignisse im Sinne einer Filmdramaturgie zuspitzen muss er dabei gar nicht, er kann sich weitgehend an die Realität halten.

Nicht zu übersehen ist aber, dass bei der Konzentration auf die dramatischen äußeren Ereignisse die Figurenzeichnung und eine komplexere Handlungsentwicklung zu kurz kommen. Mehr notdürftig als wirklich überzeugend werden hier Emotionen aufgebaut, wenn Hall und der Texaner Beck Weathers (Josh Brolin) immer wieder mit ihren zu Hause wartenden Frauen telefonieren.

Eindringlich vermittelt Kormákur dafür durch Parallelmontage, die Ohnmacht und Hilflosigkeit der im Basislager Wartenden. Zwar sind sie über Funkkontakt über die prekäre Situation der Bergsteiger im Bilde, können ihnen aber nicht zu Hilfe kommen und auch keine Hilfe schicken. Großartig zeigt der Film auch, wie stark der Lebenswille sein kann, wenn der Texaner Beck Weathers (Josh Brolin), der schon für tot gehalten und zurückgelassen wurde, sich doch noch einmal aufrafft und sich ins Lager schleppt.

An spektakulären und mitreißenden Szenen bis hin zu einem waghalsigen Hubschraubereinsatz fehlt es hier nicht – dennoch lässt «Everest» insgesamt unbefriedigt zurück. Denn außer dem intensiven Spektakel und der hautnahen Erfahrung der Strapazen und Qualen in der «Todeszone» und durch die extremen Witterungsbedingungen bleibt letztlich nicht viel. Weiter rätseln kann man freilich über die Frage, wieso sich Menschen dies antun und sich in größte Lebensgefahr begeben.

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