Verdeckte Interessen

14.09.2015 Kurt Bracharz

Neulich erzählte mir ein Ohrenzeuge (© by Canetti), eine junge (27 Jahre), aber wegen des Erfolges ihres ersten Romans schon recht bekannt gewordene österreichische Autorin habe nach einer Lesung in Bregenz vor der Rückfahrt nach Wien zunächst erklärt, sie müsse gleich zurück, um «Flüchtlingen über die Grenze zu helfen», und sich dann gewundert, dass sich unter diesen «so viele Syrer» befänden.


Als jemand sie ein wenig irritiert darauf hinwies, dass der seit nunmehr vier Jahren in Syrien wütende Bürgerkrieg die Ursache der aktuellen Flüchtlingsströme sei, dankte sie ihm für diese für sie offensichtlich neue Information. Da die junge Frau keineswegs dumm ist, muss man für sie und Ihresgleichen wohl Ödon von Horvaths bekannten Satz ein wenig verändern: «Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit wie die Unwissenheit.»

Wenn allerdings jemand sagt, dass er bei den Geschehnissen in Syrien nicht mehr durchblickt, kann man das nicht als Zeichen von Ignoranz werten, denn die Verhältnisse sind tatsächlich unübersichtlich geworden, rein schon von der Zahl der Akteure her: Baschar al Assads Regierungstruppen, die «Rebellen» (die anfänglich friedliche Opposition gegen Assad), Islamischer Staat, die libanesische Hisbollah, Al Qaida, Jabhat al Nusra, Peschmerga, PKK und PYD (Partiya Yekitiya Demokrat – falls Sie glauben, von denen noch nie gehört zu haben: das waren jene, die 2014 zusammen mit der PKK mehreren zehntausend Jesiden das Leben gerettet haben, als der IS auf das Sinjar-Gebirge marschierte).

Ganz sicher handelt es sich nicht um einen Konflikt Sunniten gegen Schiiten und ebenso wenig um IS gegen alle. Auch der Kampf um die regionale Hegemonie zwischen Saudi-Arabien und Iran, in dem der von einer Großtürkei träumende Erdogan mitzumischen versucht, ist ein zu grobes Erklärungsschema. Der Präsident des iranischen Parlaments, Ali Laridschani, sagte in einem Gespräch mit der FAZ auf die Frage, ob es möglich sei, die Rivalität zwischen Iran und Saudi-Arabien um die Vormacht in der Region zu entschärfen: «Wir empfinden unser Verhältnis nicht als Rivalität. Die Saudis sind wie Brüder, sie machen aber Fehler und sollten nicht erwarten, dass wir sie darin unterstützen.» Auf die Frage, welche Fehler die Saudis machten, nannte Laridschani den Jemen und Bahrain. Den IS meinte der Iraner wohl, als er sagte: «Rivalitäten sind töricht. Die Vorstellung, in der Region könne es neue Reiche geben, gehört doch früheren Jahrhunderten an.»

Bei aller Unübersichtlichkeit sind einige Details klar: Zum Beispiel, warum Russland weiterhin beharrlich Assad unterstützt, dessen Fassbomben erheblich mehr Zivilisten getötet haben als der IS: Syrien hat bei Russland hohe Schulden, die Putin in den Kamin schreiben kann, wenn eine Gruppe von Assads Gegnern «gewinnen» sollten (das Wort «gewinnen» muss man bei allen Kriegen in Anführungszeichen setzen, bei diesem aber ganz besonders).


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