Sachzwänge

13.09.2015 Haimo L. Handl

Politik, aber auch Kultur, scheinen immer stärker sogenannten «Sachzwängen» zu unterliegen. Worum handelt es sich dabei? Um Feststellungen vermeintlich objektiver Gegebenheiten, die eine unaufschiebbare Entscheidung verlangen und entsprechendes Handeln. Tatsachen diktieren, sie zwingen geradezu zum Handeln, so oder so.


Da keine Gesellschaft in einem Paradies lebt, alle mit der Natur in ihren verschiedensten Formen konfrontiert sind, mit unabhängig vom menschlichen Willen oder Wünschen existierenden Kräften und Tatbeständen, unterliegen alle, wirklich alle, «Zwängen». Das Programm der Zivilisierung stellt den Versuch dar, sich in dieser «Zwangsarbeit» Freiräume zu verschaffen, sodass mehr und mehr Wahlmöglichkeiten und damit eigene, freie (oder zumindest freiere) Entscheidungen und Handlungen erfolgen können.

Hier gibt es verschiedene konkurrierende Modelle. Die religiösen, altüberkommenen, scheinen die am meisten angenommenen zu sein, wiewohl aller Fortschritt nur den Wissenschaften zu danken ist. Auch Technikfeinde, Ikonoklasten, Untergangssüchtige und Lebensfeindliche nutzen die Errungenschaften dieser von ihnen verhassten Zivilisationen, weil die bloßen Verdammungsflüche nicht ausreichen; sie müssen Bomben zünden, Kriege führen.

Nun, Kriege führen auch besonnene, rational denkend organisierte moderne Staaten. Sie erzeugen vielfach Situationen, in denen dann das antimoderne, atavistische Verhalten der Rächer die untauglichen Antworten bestimmen, welche Millionen von Menschen zur Flucht zwingen. Wir haben also sehr verschiedene Sachzwänge.

Seuchen und Epidemien lassen sich nicht tauglich durch Gebete und Flagellantenzüge bekämpfen, nicht durch Aromatherapien, Weihwasser oder Zauber, auch nicht durch die hysterischen, mörderischen Judenverfolgungen, wie sie als Pestpogrome üblich waren, als vermeintlich probates Mittel gegen den Schwarzen Tod, der im Mittelalter allein in Europa ca. 25 Millionen Menschen, einem Drittel der Bevölkerung, das Leben kostete. Die damaligen Gesellschaften waren befangen in ihrem dunklen, religiösen Denken und Handeln; obskure Mittel wurden von Kirche und Staat, Priestern und Naturforschern, die innerhalb der engen Rahmen der Theologen nicht frei forschen und denken konnten und durften, eingesetzt. Rückblickend erstaunt, dass nicht noch mehr Menschen starben, verreckten, verendeten.

Welchen Vorgaben muss ich folgen? Soll oder muss ich über die Klimakatastrophe denken und schreiben, die Flüchtlingsproblematik, die Kriege? Darf ich mich trotz Krisen und Katastrophen «Luxusthemen» widmen, z.B. der Philosophie, der Literatur, den Künsten? Darf ich gut essen im Wissen, dass mindestens ein Fünftel der Erdbevölkerung unterernährt ist und mindestens ein Drittel der Kinder Hunger leidet, wissend auch, dass «bei uns» in Europa im Schnitt ca. ein Drittel der Lebensmittel vernichtet, «entsorgt» werden? Was wäre opportun? Was folgt aus diesem Wissen? Wie wirken welche Sachzwänge? Wann werden gewisse Tatbestände, Zustände und Ereignisse zu Sachzwängen? Und wird gehandelt? Liefern die Medien uns die «objektiven» Informationen?

Instrumentalisierte Gefühle, eingebettet in eine unsichere Ethik und geschwächte Moral, wie es für moderne, pseudopluralistische Gesellschaften kennzeichnend ist, scheinen zum Motor von Politik und Sozialverhalten geworden zu sein. Wieweit das tauglich ist, wird sich bald herausstellen, wenn die nächsten Sachzwänge herhalten müssen zur Legitimation gewissen Verhaltens, bestimmter Politiken.

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