Am Rande des Abgrunds: Der Bergfilm

21.09.2015 Walter Gasperi

Vom faschistisch gefärbten Kampf heroischer Prachtkerle gegen eine übermächtige Natur hat sich der Bergfilm nach dem Zweiten Weltkrieg zum Actionspektakel und zur spektakulär gefilmten Dokumentation sportlicher Höchstleistungen gewandelt.


Im Kino der Weimarer Republik erscheint der Berg als Ort der Bewährung und als Arena für einen großen Kampf mit der Natur. Mit semidokumentarischen Arbeiten wie «Das Wunder des Schneeschuhs» (1920) begründete Arnold Fanck das Genre und brachte es mit «Der heilige Berg» (1926) und - in Koregie mit Georg Wilhelm Pabst - «Die weiße Hölle vom Piz Palü» (1929) zu internationalem Ansehen. Im Mittelpunkt stand die Beschwörung einer erhabenen Natur, an der der Bergsteiger, der wie der Outlaw des amerikanischen Western außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft steht, scheitert.

In seinem Streben nach Authentizität drehte Fanck dabei vielfach an Originalschauplätzen und setzte sich und sein Team gefährlichen Situationen aus. Die Kameramänner Sepp Allgeier, Richard Angst und Harry Schneeberger mussten auf Skiern und in felsigen Steilwänden mit der schweren Filmausrüstung hantieren und auch die Darsteller setzte der Regisseur Strapazen aus, damit sie sich mit den Rollen auch wirklich identifizieren könnten.

Das Werk Fancks führten in den 1930er Jahren Leni Riefenstahl und Luis Trenker, die beide Fanck als Darsteller entdeckt hatte, fort. Während Riefenstahl in «Das blaue Licht» (1932) den Naturmystizismus ins Übersinnliche steigerte, forcierte Luis Trenker in «Der Berg ruft» (1937), in dem die Erstbesteigung des Matterhorns geschildert wird, den Männlichkeits- und Ehrenkult der Bergsteiger. Die NS-Ideologie, die mit diesen Filmen transportiert wurde, führte zu einer Tabuisierung des Genres nach 1945.

In Deutschland wurde der Bergfilm nach 1945 als eine Spielart des Heimatfilms gepflegt. Statt dem Kampf um den Berg rückten schmalzige Liebesgeschichten in den Mittelpunkt wie in Trenkers «Duell in den Bergen» (1955) und «Flucht in die Dolomiten» (1956) oder Rolf Hansens «Föhn – Sturm in der Ostwand» (1950), einem Remake von «Die weiße Hölle vom Piz Palü».

Außerhalb Deutschlands entstanden nur vereinzelt Bergfilme. Rare Beispiele dafür sind Edward Dmytryks Mont-Blanc-Drama «Der Berg der Versuchung» («The Mountain», 1956), «Sterne am Mittag» («Les etoiles de midi»,1959) des Franzosen Marcel Ichac oder Fred Zinnemanns Berg-Melodram «Am Rande des Abgrunds» («Five Days One Summer», 1982).

In Deutschland knüpfte erst in den 1990er Jahren Werner Herzog, der schon immer ein Faible für den deutschen Stummfilm und das Mythische hatte, mit «Schrei aus Stein» (1991) an die Tradition Arnold Fancks an. Ganz im Stil des Begründers des Genres lässt Herzog im vom Stürmen gepeitschten Patagonien einen Freeclimber und einen traditionellen Bergsteiger zum Kampf um eine Erstbesteigung und zugleich auch um eine Frau antreten.

Von diesem Mystifizierenden und Heroisierenden der Natur, aber auch der Protagonisten findet sich in Pepe Danquarts Dokumentation «Am Limit» (2007) nichts. In diesem nach dem Eishockey-Film «Heimspiel» (1999) und dem Tour de France-Film «Höllentour» (2004) Danquarts Sport-Trilogie beschließenden Film liegt der Fokus ganz auf der sportlichen Leistung der Speed-Kletterer Thomas und Alexander Huber. Jeder ideologische Hintergrund fehlt, nie wird die gewaltige Granitwand des El Capitan, die es zu bezwingen gilt, mystifiziert. Es geht einzig um die sportliche Leistung und die Beziehung der beiden Brüder.

Näher beim faschistischen Bergfilm liegt da schon der - obwohl Szenen in einer Gefrierhalle in Graz gedreht wurden - durch seinen Naturalismus packende Spielfilm «Nordwand» (2008), in dem Philipp Stölzl vom Erstbesteigungsversuch der Eiger-Nordwand im Jahre 1936 erzählt. Denn gefeiert werden hier deutscher Heldenmut und der Kampf gegen den übermächtigen Berg, gleichzeitig distanzieren sich die Protagonisten aber auch von den Nazis, die den Erstbesteigungsversuch für ihre Ziele medial benutzen wollen. Wie hier steht auch in Joseph Vilsmaiers «Nanga Parbat» (2010), der die Expedition von 1970, bei der Reinhold Mesners jüngerer Bruder Günther ums Leben kam, die menschliche Tragödie im Mittelpunkt.

Ungleich packender als Vilsmaiers Spielfilm ist freilich Kevin Macdonalds Dokudrama «Touching the Void» («Sturz ins Leere», 2003), in dem der Brite in einer Mischung aus Interviews und Spielszenen unglaublich spannend nachzeichnet, wie zwei Bergsteiger bei einer Tour in den Anden verunfallten und sich gegen jede Wahrscheinlichkeit mit durch nichts zu brechendem Überlebenswillen dennoch retten konnten.

Wesentlichen Auftrieb erfuhr dieses Genre in den letzten Jahren auch durch das Red Bull Media-House, das sich auf Dokumentarfilme über Extremsportarten spezialisierte und das die Möglichkeit mittels kleiner und leichter Kameras hautnah am Geschehen dran zu sein und den Zuschauer direkt daran teilhaben zu lassen, perfekt nutzt. Der Kletterer David Lama bekam hier ebenso einen aufgrund der sensationellen Aufnahmen spektakulären Film über seinen Besteigungsversuch des «Cerro Torre» in Patagonien («Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance»; Thomas Dirnhofer, 2013) wie der Versuch der drei deutschen Extrembergsteiger Kurt Albert, Stefan Glowacz und Holger Heuber das Roraimo-Plateau im venezolanisch-brasilianisch-guyanischen Grenzgebiet auf einer neuen Route zu besteigen («Jäger des Augenblicks»; Christian Lonk/Philipp Manderla/Malte Roeper, 2012).

Diesen spektakulären und hochspannenden, aber sachlichen Dokumentationen stehen wieder die amerikanischen Berg- und Expeditionsfilme gegenüber, in denen der Berg nur Kulisse für zwar spektakuläre, aber vordergründige Actionspektakel ist. Weil in Renny Harlins «Cliffhanger» (1993), Frank Roddams «K 2 – Das letzte Abenteuer» (1990) und Martin Campbells «Vertical Limit» (2000) die Bergwelt und die 8000er zu Abenteuerspielplätzen für die Kick-Generation degradiert werden, sind diese Filme eher dem Action-Genre als dem Bergfilm zuzuordnen. – Eine Zwischenposition nimmt hier Baltasar Kormakurs «Everest» (2015) ein, der einerseits von einer historischen Katastrophe am Mount Everest im Jahre 1996 erzählt, andererseits dabei mit den Mitteln des Action- und Katastrophenfilms arbeitet.

Trailer zu «Touching the Void - Sturz ins Leere»

  • Die weiße Hölle vom Piz Palü (Arnold Fanck/Georg Wilhelm Pabst, 1929)
  • Der Berg ruft (Luis Trenker, 1937)
  • Schrei aus Stein (Werner Herzog, 1991)
  • Touching the Void (Kevin Macdonald, 2003)
  • Nordwand (Philipp Stölzl, 2008)
  • Jäger des Augenblicks (Christian Lonk/Philipp Manderla/Malte Roeper, 2012)
  • Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance (Thomas Dirnhofer, 2013)
  • Vertical Limit (Martin Campbell, 2000)

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