Sie sind verdammt - The Damned

24.09.2015 Walter Gasperi

Eine Touristen terrorisierende Motorradgang auf der einen Seite und in einem militärischen Sperrgebiet eingeschlossene Kinder auf der anderen Seite. – Nicht alles mag in Joseph Loseys Science-Fiction-Film zusammenpassen, visuell brillant, spannend und eisig in der Gesellschaftskritik ist diese Hammer-Produktion, die bei Explosive-Media/Alive auf DVD erschienen ist, aber immer noch.


Wegen seiner kommunistischen Einstellung ging der Amerikaner Joseph Losey in der McCarthy-Ära nach England ins Exil. Zehn Jahre sollte es dauern, bis er hier in Harold Pinter einen kongenialen Partner fand und meisterhafte Gesellschaftsstudien wie «The Servant» (1963), «Accident – Zwischenfall in Oxford» (1967) oder «The Go-Between» 1971) drehte. Scharfe Gesellschaftskritik und einen zutiefst pessimistischen Blick auf die Menschheit findet sich aber auch schon in seinen früheren Filmen, wie der für die Hammer-Studios gedrehten Verfilmung von H.L. Lawrences Roman «The Children of Light».

Der 1961 gedrehte Film, der auch den alternativen Titel «These Are the Damned» erhielt, entsprach gar nicht den Vorstellungen des Studios, wurde zwei Jahre zurückgehalten und dann in einer um rund zehn Minuten gekürzten Fassung in Großbritannien und nochmals zwei Jahre später in einer um 15 Minuten gekürzten Fassung in den USA in die Kinos gebracht. Verwundern kann das kaum, denn statt wohligen Gothic-Horror mit «Dracula» und «Frankenstein» verortete Losey das Grauen direkt im zeitgenössischen England.

Verunsicherung erzeugt schon ein langer Schwenk über die englische Steilküste, bei dem schließlich Figuren ins Bild kommen, die Erinnerungen wecken können an die in Pompeji zu sehenden Gipsabdrücke von Menschen, die durch den Vesuvausbruch ums Leben kamen. Nach diesem Auftakt wendet sich der Film aber zunächst dem südenglischen Seebad Weymouth zu, in dem eine Bande mit Lederjacken bekleideter junger Motorradfahrer die Bevölkerung terrorisiert und beraubt. Als Lockvogel dient ihnen Joan (Shirley Anne Field), die Schwester des Anführers der Bande (Oliver Reed), mit deren Hilfe sie den amerikanischen Touristen Simon (Macdonald Carey) überfallen und brutal niederschlagen.

Da Joan sich aber der inzestuösen Liebe ihres Bruder, der Alleinanspruch auf sie erhebt und die Nähe keines Mannes duldet, entziehen will, flieht sie bald darauf mit Simon auf dessen Jacht und landet an einem Küstenstrich, der militärisches Sperrgebiet ist.

Verfolgt von der Motorradgang stürzen sie über die Steilküste, werden aber von Kindern gerettet, die hier in einem Bunker von Militärs gefangen gehalten und aufgezogen werden. Zu ihrem Entsetzen stellen Joan und Simon bald fest, dass die Kinder eiskalte Körper haben und wollen einerseits hinter ihr Geheimnis kommen, andererseits sie befreien.

Was als eine Geschichte über die Flucht vor einer Rockergang beginnt, kippt so ziemlich genau in der Mitte in einen Science-Fiction-Film über militärische Versuche und das Ausgeliefertsein des Individuums gegenüber Militär und Regierung. Wirklich zusammenpassen mögen diese beiden Teile des von Arthur Grant in bestechende, die kalte Atmosphäre verstärkende Schwarzweißbilder getauchten Films nicht, und doch lassen sich Zusammenhänge feststellen.

Denn ähnlich wie in Kubricks «A Clockwork Orange» wird der gewalttätigen und aggressiven, aber selbst entscheidenden Gang eine Gruppe von Kindern gegenüber gestellt, die völlig fremd gesteuert ist, und wie dort steht der Gewalt des Individuums die institutionalisierte Gewalt von Behörden gegenüber.

Klassische Losey-Motive sind dagegen, wie hier Fremde in eine abgeschlossene Gesellschaft eindringen und diese aufmischen, aber auch die Chancenlosigkeit des Individuums gegenüber den Institutionen. Mit dem pessimistischen Ende nimmt Losey dabei auch schon seine 1970 entstandene Parabel «Im Visier des Falken» («Figures in a Landscape») vorweg.

Raffiniert lässt Losey auch den Zuschauer lange über die Aktivitäten des Militärs im Ungewissen, setzt aber sukzessive Hinweise, die Interesse wecken und Spekulationen anstellen lassen. Nicht isoliert stehen hier schließlich auch die an verkohlte Leichen erinnernden Kunstwerke da, sondern fügen sich durchaus in den apokalyptischen Hintergrund des Films ein.

An Sprachversionen bietet die bei Explosive Media/Alive erschienene DVD die englische Original- und die deutsche Synchronfassung. Die Extras beschränken sich auf den originalen britischen Kinotrailer.

Trailer zu «The Damned - Sie sind verdammt»

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