Zukunftsängste

30.08.2015 Haimo L. Handl

Die hochentwickelte vernetzte Computerkultur unserer Zeit nährt die Illusion, alles sei analysierbar, deutbar, prognostizierbar. Die Praxis in West und Ost, Nord und Süd, lehrt das Gegenteil. Die Technik vermag zwar viel, aber doch nicht soviel, wie die Technikgläubigkeit sich ausmalt.


In einem Seminar mit chinesischen Statistikern sprach ich kürzlich über den Wertehintergrund als Ausgangslage für Datenanalysen und –deutungen. Wir behandelten das Phänomen, dass trotz bester Datenlage und komplexer statistischer Rechenmodelle niemand die Finanzkrise in ihrem verheerenden Ausmaß zu prognostizieren vermochte, alle sich überrascht zeigten, außer jenen, die es eh schon immer wussten. Die Nationalökonomie hat seit je es nicht vermocht, seriöse Wissenschaftlichkeit zu erreichen, wie sie es beansprucht bzw. wie es von Wissenschaften erwartet wird. Weshalb tut man aber als ob?

Prognosen sollen Sicherheit erzeugen, sollen Entscheidungshilfen oder gar –grundlagen sein, um möglichst vernünftig oder «adäquat» agieren und reagieren zu können. Allein, Extrapolationen können nur so gut sein, wie die Daten einerseits «hart» sind, andererseits die Entwicklungen für den Berechnungszeitraum gleich verlaufen, modellhaft sozusagen. Doch da gelangt man oft in weiche, unbestimmte Bereiche, weil in der Natur wie im Sozialen zukünftige Ereignisse und Verhalten nicht wirklich sicher berechenbar sind. Die Zukunft bleibt trotz komplizierter Berechnungen im Wesentlichen unsicher. Ein schier unerträglicher Zustand, der oft kleingeredet wird, übertüncht vom Expertengerede. Während seriöse Wissenschaftler von Wahrscheinlichkeiten sprechen unter Berücksichtigung dieser und jener Annahmen, übersetzen Machthaber, Politiker, Priester die Ergebnisse in Quasisicherheiten, um entsprechend operieren (und legitimieren) zu können.

1857 reflektierte der oberösterreichische Schriftsteller Adalbert Stifter in seinem Roman «Der Nachsommer» just eine Zukunftsentwicklung, die bemerkenswert ist:

«Werden die Güter der Erde da nicht durch die Möglichkeit des leichten Austauschens gemeinsam werden, daß allen alles zugänglich ist? Jetzt kann sich eine kleine Landstadt und ihre Umgebung mit dem, was sie hat, was sie ist, und was sie weiß, absperren, bald wird es aber nicht mehr so sein, sie wird in den allgemeinen Verkehr gerissen werden. Dann wird, um der Allberührung genügen zu können, das, was der Geringste wissen und können muß, um vieles größer sein als jetzt. Die Staaten, die durch Entwicklung des Verstandes und durch Bildung sich dieses Wissen zuerst erwerben, werden an Reichtum, an Macht und Glanz vorausschreiten und die andern sogar in Frage stellen können. Welche Umgestaltungen wird aber erst auch der Geist in seinem ganzen Wesen erlangen?

Diese Wirkung ist bei weitem die wichtigste. Der Kampf in dieser Richtung wird sich fortkämpfen, er ist entstanden, weil neue menschliche Verhältnisse eintraten, das Brausen, von welchem ich sprach, wird noch stärker werden, wie lange es dauern wird, welche Übel entstehen werden, vermag ich nicht zu sagen; aber es wird eine Abklärung folgen, die Übermacht des Stoffes wird vor dem Geiste, der endlich doch siegen wird, eine bloße Macht werden, die er gebraucht, und weil er einen neuen menschlichen Gewinn gemacht hat, wird eine Zeit der Größe kommen, die in der Geschichte noch nicht dagewesen ist.»

Diese Zeit ist für uns gekommen. Die kosmischen Raumerkundungen sind beeindruckend, die wissenschaftlichen Erfolge vielversprechend, die Datenerfassungen umfassend wie noch nie (und damit auch die soziale Kontrolle und Manipulation). Und trotzdem gibt es „Überraschungen“ von Katastrophen und ungeheuren Fehlleistungen unserer Systeme.

Die menschliche Reife zeigt sich nicht zuletzt im Vermögen, mit der offenen Zukunft, der ungesicherten, leben zu können, die Ängste im Zaum zu halten. Religionen offerieren in ihren Glaubenssätzen vermeintliche Sicherheiten. Schwerer hat es die Aufklärung, die die Unsicherheit beim Namen nennt. Die Mehrheit hält grundlegende Unsicherheit nicht aus, weshalb die Selbsttäuschungen, unter anderem durch eine Wissenschaftsgläubigkeit (in sich ein Widerspruch) so florieren.

Die moralischen Appelle, wir müssten unseren Nachkommen eine positive Zukunft sichern, sind zwar irgendwie verständlich, greifen aber zu kurz, sind im Kern falsch. Es gibt keine gesicherte Zukunft. Der Satz «Jene, die nach uns kommen, finden keine Zukunft vor, wie wir sie hatten», den ein österreichischer Autor notierte, klingt annehmbar, ist aber falsch. Er ist eine Anmaßung, weil er impliziert, dass eine Zukunft gleich bleiben könne, also unverändert sich halte. Das ist ein Anspruch, der jedem vernünftigen Denken widerspricht. Er setzt auch voraus, dass wir Macht und Mittel hätten, die Zukunft zu bewahren, wie sie für uns, im Rückblick gesehen, war. Das ist Humbug. Niemand wird eine Zukunft vorfinden, wie sie früher, ob in näherer oder längerer Vergangenheit, für damalige vorfindbar war. Was heißt eigentlich eine Zukunft dieser oder jener Art gehabt haben, die weitergebbar sein solle? Drückt sich hier nicht eine Vereinnahmung, eine Besitznahme aus, die eben einer irrigen Haltung von Macht und Kontrolle entspricht? Wenn wir unsren Nachfahren eine Zukunft weiterreichen wollten wie wir sie hatten, würden wir die Entwicklungsmöglichkeiten, die ganz anders verlaufen können, reduzieren auf unsere Gestaltung. Was sich als scheinbare Verantwortung für die Nachfahren gibt, entpuppt sich als Einengung, als Vorwegnahmek als Sicherung. Es ist ein Trost, dass es trotz aller moralischen, sozialen und wissenschaftlichen Maßnahmen nicht dazu kommt, nicht kommen kann.

Bleibt es also bei den Ängsten? Ja. Die Frage oder das Problem ist der Umgang damit. Und da scheinen die Antworten und Maßnahmen ziemlich gewohnt, alt und atavistisch.

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