Lesen als Medizin

22.08.2015 Bernhard Sandbichler

Lesen ist paradox: «Bücher treiben in den Wahnsinn», meint Erasmus von Rotterdam (Bibliomaniacs), machen süchtig (Biblioholiker, Bibliobibisten), infizieren mit dem Fiktionsvirus: «Vom vielen Lesen trocknete ihm das Hirn so aus, dass er zuletzt den Verstand verlor», heißt es von Don Quijote). Andrea Gerk hält dagegen: Lesen hilft (bei Krise, Krankheit, Krieg), Lesen belebt (Gehirn, Geist, Gesundheit), Lesen befreit (Kriminelle, Klosterschwestern, Künstler).


  • Achse 1: Diagnose
    Lesen bildet, Lesen in der Gruppe lässt Solidarität erfahren, Vorlesen löst aus Einsamkeit. Schreiben von Gedichten, Briefen oder eines Tagebuchs ist ein wirkungsvolles Verfahren, das Schwerkranke oder Sterbende auf ihrem letzten Weg begleiten kann. «Formulieren» jedenfalls, sagt Erich Kästner, «ist heilsam» - auch mündlich: Wo eigenes Erleben erzählt wird, ändert sich die Autoperspektive: Man fühlt sich dadurch besser.
     
  • Achse 2: Prognose
    D. H. Lawrence spricht von Erlösung: «Bücher können uns von unseren Krankheiten erlösen.» Was, wenn es keine Bücher mehr gibt? Nur noch E-Books, Blogs, Podcasts, Chats, Twitters? Bibliotheken sind Heilstätten der Seele. Aber das Internet?
     
  • Achse 3: Entwicklung
    Poesietherapie (lyrische Hausapotheke) und Bibliotherapie sind im angloamerikanischen Raum und in Skandinavien im breiten Spektrum von (Kreativ-)Therapien längst etabliert. Biblioprophylaxe und -diganostik haben nichts Exotisches. Mittlerweile gibt es akademische Graduierten-Lehrgänge: Narrative Medicine bedeutet, dem/r Patienten/in genau zuzuhören; zu erkennen, wie er/sie seine /ihre Leidensgeschichte schildert, sein/ihr soziales Umfeld, seine /ihre Biographie; es bedeutet, menschliches Leben und Leiden als vielschichtig literarischen Text zu interpretieren. Get Into Reading? Eine der wichtigsten Entwicklungen im Umgang mit psychischen Erkrankungen der letzten zehn Jahre.
     
  • Achse 4: Intelligenz
    Wie Worte wirklich werden ist einer unter den vielen Aspekten, welchen die beeindruckend belesene und anregend schreibende Andrea Gerk erörtert. Dafür hat sie sich ihr eigenes Gehirn scannen lassen, während sie Gedichte las. Gedichte, bei denen er selbst Gänsehaut bekommt, hat ihr der das Experiment durchführende Wissenschaftler per Hand notiert: Abendphantasie (Hölderlin), Nur zwei Dinge (Benn), Trennung (Eichendorff).
     
  • Achse 5+6: Körper + Psyche
    Inhalt einer guten Therapie ist es, Möglichkeiten und Ziele zu formulieren und das Kind in seiner Eigenaktivität zu stärken, sodass es handelnd neue Erfahrungen machen kann und sich als selbstwirksam erlebt.
     
  • Achse 7: Alltag
    Erstaunlich ist, wie viel Lesen an Erinnerung im Lesenden zu Tage fördert, zumal bei psychisch leidenden LeserInnen. Erstaunlich auch, wie Männer sich tendenziell Spannung, Lust, Schmerz, Angst verweigern und hinter dem Schutzschild der Sachbuch- und Gebrauchsanweisungs-Lektüre verbergen.
     

Andrea Gerk: Lesen als Medizin. Die wundersame Wirkung der Literatur. Berlin: Rogner & Bernhard 2015, 352 Seiten, EUR 23,60

Ella Berthoud, Susan Elderkin (mit Traudl Bünger): Die Romantherapie. 253 Bücher für ein besseres Leben. Berlin: Insel Verlag 2014, 430 Seiten, EUR 10,30

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