The Nuking

09.08.2015 Haimo L. Handl

Im 2. Weltkrieg drohten die Amerikaner den Japanern mit totaler Vernichtung. Kolloquiale Ausdrücke waren «we will zap them» oder «we nuke them». Die Umgangssprache entäußert eher den wahren Geist bzw. Ungeist, als die formelle, gebildete. «To zap» heißt nicht nur wie im auch von uns übernommenen «zappen» rasch einen Kanal wechseln (channel hopping), sondern erhitzen (Microwave) oder löschen. «To zap an enemy» heißt also treffend, ihn zu grillen, zu verbrennen, zu vernichten, zu tilgen. «Nuking by the nuke» heißt dann atomisieren durch die Atombombe, in einer infantilisierten Sprache, die für die Popkultur tauglich ist. Die Amerikaner grillten also ihre Feinde, z. B. die Zivilisten zweier größerer Städte, indem sie diese vaporisierten, austilgten.


Der Präsident, der den kriegsverbrecherischen Einsatz befehligte, begründete ihn mit der vordergründigen Behauptung, damit den Krieg verkürzt zu haben. Eine propagandistische Lüge, die die Öffentlichkeit nur zu gerne annahm. Es ging schlicht um reale Machtpolitik und die Demonstration gegen die USSR, wer nun die mächtigste Weltmacht war. Lange konnten sich die Massenmörder dieser Stellung nicht freuen, denn die Russen zogen bald nach. Die Welt war ins nukleare Kriegszeitalter getreten.

In der Vorgeschichte zeichnet sich eine bemerkenswerte Haltung und Überlegung heraus, die verdient näher bedacht zu werden. Der 2. Weltkrieg hatte zwei Ausgangsfelder. Eines in Asien mit der extrem militarisierten japanischen Gesellschaft, deren Truppen in schon frühen Kämpfen und Eroberungszügen äußerst brutal vorgingen in ihrem rücksichtslosen Streben, mehr «Lebensraum», mehr Rohstoffe, mehr Versorgungsgüter zu rauben. Das andere in Europa, wo Deutschland eine faschistische Konvertierung der Gesellschaft vollzog, den Krieg begann und systematisch ausweitete. Japan und Deutschland, Europa und Asien, waren nicht nur verstrickt, sondern Partner, die eine Achse bildeten.

Deutschland hatte eine potente Wissenschaft; es wurde befürchtet, dass es in der Lage sein würde, die Kernspaltung als erste durchzuführen bzw. die Atombombe zu bauen. Die Kernspaltung wurde 1938 durch Otto Hahn und Fritz Straßmann erreicht. Was das bedeuten würde war dem Physiker Leó Szilárd, der auch ein begeisterter Leser der Werke von H. G. Wells war, völlig klar. Er überredete Albert Einstein in den USA, auf den amerikanischen Präsidenten Roosevelt einzuwirken (Brief 1939), dass dieser die Vorbereitungen zum Bau der Atombomber unverzüglich in Angriff nehme, um den Nazis zuvorzukommen.

Nun, die Kernspaltung konnte von den Nazis nicht im befürchteten Tempo weiterentwickelt werden. Die USA allerdings starteten ab 1942 das Manhattan-Projekt, das im Bau von Atombomben, die zuerst in den USA getestet wurden, resultierte und für kurze Zeit den Amerikanern eine Vormachtstellung einräumte.

Bemerkenswert fand ich den Umstand der Sorge von Leó Szilárd. Er fürchtete diese modernste und extremste Massenvernichtungswaffe in den Händen der Nazis, nicht aber in den Händen der USA. Aber die USA wandelten sich, indem sie dieses Massenvernichtungsprogramm konstruierten und als Teil ihrer Kriegspolitik übernahmen. Wenn jemand im Kampf gegen einen barbarischen Feind selbst zum gleichwertigen Vernichter wird, hat er sich auch zur gleichen Barbarei gewandelt. Und tatsächlich ging es den Amerikanern nicht um ein verzweifeltes, letztes Erwehren, sondern um die kaltblütig kalkulierte Vorherrschaft. Eine Gesellschaft, der JEDES Mittel im Kampf recht ist, hat sich den Feinden, die es bekämpft, gleichgestellt. Der Ungeist regiert, auch wenn er kaschiert ist.

Etliche andere Verhaltensweisen, die von offizieller und privater Seite im «Westen» an den Achsenmächten bzw. der USSR kritisiert wurden, sind in der Praxis der Amerikaner übernommen worden (auch Folter). So wurden die Überlebenden in Hiroshima und Nagasaki in eigens eingerichteten Forschungsinstituten wissenschaftlich untersucht, aber es wurde ihnen nicht geholfen. Ein Verhalten, das von den Ärzten und Wissenschaftlern der Nazis, vor allem in den KZs, heftig kritisiert wurde. In Japan war der Feind zum Untermensch geworden, wie die Juden, Roma und einige Andere bei den Nazis. Diesen Untermensch untersuchte und erforschte man als Studiensache, man half ihm aber nicht. Erst später wurden telegene «Begegnungen» und «Hilfen» öffentlichkeitswirksam unternommen; wer die Filme dieser Aktionen von damals sieht, hält die Peinlichkeit der verlogenen Atmosphäre kaum aus. Denn zugleich übten die Amerikaner eine strenge Zensur. Nicht nur die japanische Bevölkerung wurde über die Folgeschäden im Unklaren belassen, sondern überhaupt die Öffentlichkeit. Da die USA als kapitalistische Leitmacht sich nicht abschirmen konnten, wie z. B. das frühe China oder Korea, wurde nach und nach in den folgenden Jahrzehnten doch informiert.

Die Amerikaner, die auch einen Krieg in Korea führten, zogen in den Fünfzigerjahren, also nur fünf Jahre nach ihren ersten Atombombenabwürfen, erneut den Atombombeneinsatz in Erwägung, weil sie «konventionell» den Koreanern und Chinesen nicht genügend Widerstand entgegenzusetzen vermochten.

Heute ist es nur noch Israel, das offen mit Atomschlägen gegen seine Feinde droht. Unter dem Schutzmantel der USA baute es ein Atomwaffenprogramm, das entgegen allen internationalen Bestimmungen nie inspiziert wurde, das offiziell nie bestätigt wurde. Gleichzeitig wird allein der Verdacht für einen möglichen Atombombenbau durch den Iran als gerechtfertigter Kriegsgrund der Amerikaner und ihrer Verbündeten gesehen. Der Ungeist von damals hat sich konsequent weiterentwickelt in der dreckigen Sprache und Politik der Sieger.

Sind die Auswirkungen eines Atomschlages anders, wenn eine «befreundete» Macht sie verursacht? Fast möchte es scheinen. Eine israelische Atombombe ist hinzunehmen, eine andere nicht. Der Zweck heiligt die Mittel. Damit ist jedoch jede Humanität verraten.

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