Flucht nach Berlin

17.09.2015 Walter Gasperi

1960: Die Kollektivierung der Landwirtschaft kommt bei vielen Bauern der DDR nicht gut an – auch Hermann Güden entschließt sich zur Flucht in den Westen. – Will Trempers ein Jahr vor dem Bau der Berliner Mauer gedrehter Spielfilm ist kein Sozialdrama, sondern handfestes und rohes Kino. Bei dem auf Berlin-Filme spezialisierten Label Daredo/Darling Media ist diese wenig bekannte Perle auf DVD erschienen.


Ein Vorspanninsert informiert über die Flucht der Massen aus der DDR und betont, dass die Geschichte auf Tatsachen beruhe, ehe der 1928 geborene Will Tremper, der nach Tätigkeiten als Journalist und Drehbuchautor mit «Flucht nach Berlin» sein Regiedebüt feierte, eine Brigade in einem Dorf der DDR Einzug halten lässt, um hier die Maßnahmen des Sozialismus zu propagieren.

Der überzeugte junge Sozialist Claus Baade (Christian Doermer) will die Bevölkerung von den Vorteilen der Kollektivierung überzeugen, doch bei den Bauern regt sich Widerstand. Hermann Güden (Narziss Sokatscheff), der der Wortführer der Dorfbevölkerung ist, scheint sich hinter Baade zu stellen, doch als er erfährt, dass seine Frau mit seinem Sohn inzwischen geflohen ist, überwältigt er Baade, und versucht nach Westberlin zu gelangen. Auf der Autobahn trifft er dabei auf eine Schweizer Journalistin (Susanne Korda), die ihn zunächst mitnimmt, dann aber mit ihm fliehen muss, als sie sich einer Kontrolle durch die Volkspolizei entziehen.

Gleichzeitig versucht aber auch Baade, der bei seinen Vorgesetzten in Ungnade gefallen ist, weil sie ihn verdächtigen mit dem Flüchtling zu kooperieren, nach Ost-Berlin zu gelangen, um seine Unschuld zu beweisen. – Nur eine Frage der Zeit ist es freilich, bis sich die beiden Erzählstränge kreuzen.

Plakativ und mit kräftigen Strichen, aber durchaus wirkungsvoll zeichnet Tremper in seinem Schwarzweißfilm die Verhältnisse in der DDR. Glaubwürdig mag da die Handlung nicht immer sein, aber ungewöhnlich ist auf jeden Fall für einen westdeutschen Film aus dieser Zeit nicht nur die Behandlung des Themas, sondern auch der formale Ansatz.

Da wird für einmal nicht brav und bieder erzählt, sondern knallig und schnörkellos. Rohes und kraftvolles Kino im Stil amerikanischer Actionfilme wird geboten, mit Sam Fuller, Robert Aldrich und John Sturges hat der Filmwissenschaftler Norbert Grob Trempers Stil verglichen. Atmosphärisch dicht und ungeschminkt-realistisch wird die Zeit eingefangen und dynamisch die Handlung vorangetrieben. Gleichzeitig spürt man in manchen Szenen schon eine Frische und Natürlichkeit, die an die französische Nouvelle Vague erinnert – oder schon auf den Neuen Deutschen Film vorverweist.

Mit dem Ende, in dem Tremper sarkastisch mit dem Westen abrechnet, war die bundesdeutsche Regierung freilich nicht zufrieden, weshalb Constantin-Film gegen den Willen des Regisseurs einen zweiten offenen Schluss anfügte, mit dem der Film nun endet. Das ursprüngliche Ende findet sich aber ebenso unter den Extras der bei Daredo/Darling Media erschienenen DVD wie der originale Kinotrailer und Interviews mit dem Schauspieler Christian Doermer und dem Filmmusikkomponisten Peter Thomas. Dazu kommt ein Booklet mit Erinnerungen von Trempers Sohn und des Journalisten Gustav Jandek, sowie ein Nachdruck der «Illustrierten Filmbühne» von 1960.

Trailer zu «Flucht nach Berlin»

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