Locarno 2015: Genrevariation und phantasievolles Spiel

10.08.2015 Walter Gasperi

05.08.2015 bis 15.08.2015  Filmfestival Locarno

Während Andrzej Zulawski in seinem ersten Film seit 15 Jahren der Phantasie freien Lauf lässt, legt der Niederländer Alex van Warmerdam mit «Schneider vs. Bax» im Wettbewerb des 68. Filmfestivals von Locarno eine höchst unterhaltsame schwarze Killerkomödie vor. Elisabeth Scharangs Jack-Unterweger-Spielfilm «Jack» dürfte dagegen in seiner Skizzenhaftigkeit Publikum und Kritik spalten


Für Skandale sorgte der gebürtige Pole Andrzej Zulawski in den 1970er und 1980er Jahren mit Filmen wie «Nachtblende» (1975) und «Die öffentliche Frau» (1984) wegen ihrer expliziten Sexszenen, still wurde es um den in Frankreich lebenden Regisseur spätestens ab der Jahrtausendwende. Jetzt meldet er sich mit seinem ersten Film nach 15 Jahren zurück und überrascht mit seinem sich frei an Witold Gombrovicz 1965 erschienenen Roman «Cosmos» anlehnenden Film gleichen Titels.

Denn wer Skandalöses erwartete, wurde enttäuscht, dafür lässt Zulawski seiner Phantasie freien Lauf, lässt den jungen Witold im Wald nicht nur einen erhängten Spatzen finden, sondern bald auch mit seinem Freund Fuchs in einer märchenhaft verwachsenen Familienpension ein Zimmer beziehen, sich in die schöne, aber verheiratete Tochter des Hauses verlieben, aber auch seltsame, teilweise absurde Erlebnisse mit den anderen Bewohnern des Hauses machen.

Eine lineare Handlung lässt sich kaum ausmachen, vielmehr spielt Zulawski lustvoll mit den Möglichkeiten des Kinos, reiht wie an einer Perlenkette einen Einfall an den anderen, spielt mit literarischen und filmischen Verweisen von Strindberg bis Spielberg und von Luc Besson bis Robert Bresson. - Ein wunderbar-leichtes, jugendlich verspieltes Werk hat hier der 74-Jährige vorgelegt, das freilich in seiner Fülle den Zuschauer auch etwas erschlagen zurücklässt.

Schon eher klassisches Genrekino, wenn auch im Stil der Coens oder des Norwegers Hans Petter Moland ins Makrabe verschoben präsentierte der Niederländer Alex van Warmerdam mit der Killerkomödie «Schneider vs. Bax». Eine Traumfamilie mit blonder Frau und zwei süßen blonden Töchterchen hat Schneider, sein Geburtstag soll mit einer Party gefeiert werden und den Tag möchte er sich frei nehmen. Gestört wird er aber durch einen Anruf, in dem er den Auftrag erhält einen Schriftsteller zu töten, denn hinter der bürgerlichen Fassade verbirgt sich ein Auftragskiller.

Nach Drängen des Auftraggebers willigt Schneider ein, soll es sich doch um einen schnell erledigten Routineauftrag handeln. Für den Zuschauer ist freilich klar, dass sich die Dinge anders entwickeln werden, sich der Auftrag zunehmend komplizieren wird, weitere Personen hineingezogen werden, bald sich auch die Positionen von Opfer und Täter verschieben, bis am Ende mehrere Tote zurückbleiben werden.

Souverän dreht van Warmerdam an der Handlungsschraube, lässt in trocken-unaufgeregter Inszenierung ein Rädchen ins andere greifen, eine zunächst depressive junge Frau schließlich über sich hinauswachsen, Schneider trotz sich verschärfender Bedingungen immer die Ruhe und Übersicht bewahren. Im Grunde mag das Stoff für einen Kurzfilm sein, doch mit den zahlreichen Wendungen versteht es der Holländer seinen Film am Laufen zu halten und 90 Minuten bestens zu unterhalten, spielt darüber hinaus freilich auch mit Abgründen, die hinter der glatten Fassade lauern.

Einen wahren Fall der österreichischen Kriminalgeschichte arbeitet dagegen Elisabeth Scharang mit der Geschichte des Mörders und Schriftstellers Jack Unterweger auf. In ihrem Spielfilm «Jack» verzichtet Scharang aber auf Inserts zu Zeit und Ort der Ereignisse und entwickelt die Handlung bewusst skizzenhaft.

Vom Mord in den 1970er Jahren springt der Film zur 15-jährigen Haftstrafe, in der Unterweger nicht nur die Literatur entdeckt, sondern auch selbst zu schreiben beginnt, und bald auch über Briefe Beziehungen zu Frauen aufbaut. Als Muster für einen gewandelten Verbrecher wird er nach seiner Entlassung in der Wiener Society hofiert, veröffentlicht seine Gedichte und einen Roman, wird zu einer Fernsehdiskussion über Strafvollzug eingeladen, führt mit Ford Mustang und weissen Anzügen das Leben eines Playboys, bis er in den 90er Jahren im Zuge einer Mordserie an Prostituierten wieder verhaftet wird und nach der Verurteilung Selbstmord begeht.

Von Unterwegers schwieriger Kindheit als von der Mutter zum alkoholkranken Großvater abgeschobenem Kind über die Zeit der Haft bis zur Rolle in der Wiener Gesellschaft wird vieles kurz angerissen und skizziert, aber bewusst nichts differenzierter ausgelotet. Nicht näher kommen will man folglich dem von Johannes Krisch gespielten Unterweger, kann schwer die Faszination nachvollziehen, die er auf eine verheiratete Architektin (Corinna Harfouch) ausübte, bekommt auch kaum Einblick in die gesellschaftlichen Hintergründe.

Nicht nur auf Distanz hält Scharang so den Zuschauer, sondern zwingt ihn so auch sich selbst ein Urteil zu bilden, was freilich angesichts der nur bruchstückhaften Informationen schwer fällt. Einerseits unbefriedigt lässt so «Jack» den Zuschauer zurück, andererseits ist es wiederum gerade dieses Skizzenhafte und Vage, sind es diese Leerstellen, die den Film im Kopf des Zuschauers nachwirken lassen.

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  • Cosmos; Director: Andrzej Zulawski. France, Portugal, 2015. DCP · Color · 103' · o.v. French
  • Cosmos; Director: Andrzej Zulawski. France, Portugal, 2015. DCP · Color · 103' · o.v. French
  • Schneider vs. Bax; Director: Alex van Warmerdam. Netherlands, Belgium, 2015. DCP · Color · 95' · o.v. Dutch
  • Schneider vs. Bax; Director: Alex van Warmerdam. Netherlands, Belgium, 2015. DCP · Color · 95' · o.v. Dutch
  • Jack; Director: Elisabeth Scharang. Austria, 2015. DCP · Color · 95' · o.v. German
  • Jack; Director: Elisabeth Scharang. Austria, 2015. DCP · Color · 95' · o.v. German

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