Sehnsucht nach Versöhnung: Locarno startete mit Jonathan Demmes "Ricki and the Flash"

06.08.2015 Walter Gasperi

05.08.2015 bis 15.08.2015  Filmfestival Locarno

Mit der Verleihung des Excellence Award Moët & Chandon an den US-Schauspieler Edward Norton begann das 68. Filmestival von Locarno, ehe Meryl Streep mit ihrer für Jonathan Demmes gleichnamigen Familien- und Musikfilm gebildeten Band «Ricki and the Flash» die Piazza Grande rockte.


Es ist nicht nur erstaunlich, wie sich die 66-jährige Meryl Streep immer noch in jede Rolle hineinlegt, nie routiniert vom Blatt herunterspielt, sondern immer Leidenschaft spüren lässt, sondern auch welche Wandlungsfähigkeit sie dabei zutage legt, als britische Premierministerin Margaret Thatcher ebenso brillieren kann - auch wenn der Film «The Iron Lady» nicht zu überzeugen wusste - wie nun als alternde Rocksängerin.

Schon mit der Vorspannsequenz hat Jonathan Demme, der schon mit seinen Dokumentarfilmen über die «Talking Heads» («Stop Making Sense») und Neil Young («Heart of Gold») bewies, dass er ein Meister des Musikfilms ist, den Zuschauer am Haken. Denn wie Streep mit ihrer eigens für diesen Film gebildeten Band «Ricki and the Flash» zu den Vorspanntiteln Tom Pettys «American Girl» spielt und wie Demme diese Performance in einer schummrigen kalifornischen Bar inszeniert, reisst einfach mit.

Demme spielt auch in der Folge die Songs, zu denen nicht nur Hits aus den 1970er und 1980er Jahren, sondern auch neue Nummern von Lady Gaga oder Pink gehören, meist aus, lässt der von – abgesehen von Meryl Streep, die für diesen Film lernte Gitarre zu spielen – Profimusikern gebildeten Band Raum, um ihr Können zu zeigen.

Wirklich den Durchbruch hat Ricki freilich nie geschafft. Tagsüber arbeitet die sie an einer Supermarktkasse und lebt in einer kleinen Wohnung, bis sie ein Anruf ihres Ex-Mannes (Kevin Kline) aus Indianapolis erreicht. Einst hat Ricki, die eigentlich Linda heisst, nämlich der Musikkarriere wegen ihre Familie verlassen, sich nie um ihre inzwischen erwachsenen drei Kinder gekümmert. Nun aber bittet sie ihr Ex-Mann um Hilfe, denn ihre Tochter stürzte in eine Krise, als sie von ihrem Mann verlassen wurde.

Mit dem Flug in den Mittelwesten werden aber nicht nur Kilometer zurückgelegt, sondern noch größer ist fast der gesellschaftliche Sprung. Prägnant, aber auch plakativ stellt Demme den ärmlichen Verhältnissen Rickis das Leben in einer pompösen, von der Außenwelt abgeschlossenen Villa gegenüber, aber natürlich auch der ausgeflippten Rockerin mit Lederkleidung, stark geschminktem Gesicht, wilder Frisur und Armreifen, Halsketten und Ringen die gepflegte bürgerliche Welt.

Fast zwangsläufig sorgt die Konfrontation mit der labilen Tochter zunächst für heftige Kontroversen, doch langsam kommen Ricki und Julie (Mamie Gummer) sich näher. Blendend harmonieren die mit sichtlichem Vergnügen agierenden Schauspieler, die Funken sprühen nicht nur in den Wortgefechten zwischen Ricki, ihrem Ex-Mann Pete und Julie, sondern auch beim Familienessen mit den beiden Söhnen in einem Nobelrestaurant. Als Petes neue Frau Maureen vom Besuch ihres kranken Vaters zurückkehrt, kommt es allerdings zur Konfrontation zwischen Ricki und Maureen und zur Diskussion über die Mutterrolle, die Ricki zur Abreise bewegt...

Ohne ein Urteil zu fällen, stellt Demme in dem locker aus der Hand geschüttelten Feelgood-Movie, das auch ansteckend wirkt in der Lust, mit der es sichtlich inszeniert wurde, nicht nur dem Wunsch Rickis nach Selbstverwirklichung die Frage nach der Rolle einer Mutter gegenüber, sondern erzählt mit den beiden Milieus auch von einer gesellschaftlich gespaltenen Nation und seiner Sehnsucht nach der Zusammenführung dieser Gegenpole.

Die Sympathie gehört Demme dabei unübersehbar der Unterschicht und er lässt diese dann auch nach weiteren Wendungen die bürgerliche Gesellschaft kräftig aufmischen und zunächst konsterniert auf eine Rock-Einlage reagieren, dann sich aber von Rickis Performance von Canned Heats «Let`s Work Together» - ein schon überdeutlicher Hinweis auf die Botschaft des Films - mitreissen lassen. - Ein sympathischer und schwungvoller Festivalauftakt, der viel gute Laune verbreitet.

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