Humane Rede

26.07.2015 Haimo L. Handl

Sprache und Wirklichkeit hängen unbedingt zusammen. Nicht im Sinne von wahrer Widerspiegelung oder realistischer Abbildung. Kein Wort hat einen direkten Bezug zur Wirklichkeit. Sprache ist ein Symbolsystem, das, wenn auch komplex, nie Wirklichkeit abbildet, sie nie ist. Trotzdem besteht ein Zusammenhang, und zwar im Sozialen, dem gesellschaftlichen Sein, den Lebenswelten. Ohne Sprache, ohne dieses Symbolsystem, wären wir nicht, was wir sind, könnten wir nicht sein, was wir ersehnen und fordern. Sprache ist gemeinsam. Das Menschliche bedingt das Gemeinsame, nicht nur in der Sprache.


Da klingt ein Satz von Adorno widersprüchlich bzw. befremdlich: «Die Entfremdung erweist sich an den Menschen gerade daran, dass die Distanzen fortfallen. Denn nur solange sie sich nicht mit Geben und Nehmen, Diskussion und Vollzug, Verfügung und Funktion immerzu auf den Leib rücken, bleibt Raum genug zwischen ihnen für das feine Gefädel, das sie miteinander verbindet und in dessen Auswendigkeit das Inwendige erst sich kristallisiert.»

Adorno bedenkt die Unabdingbarkeit von «Freiraum» als Abgrenzung, eine Art Schutzzone durch Distanz, die erst Privatheit und Würde ermöglichen. Nächste Nähe wird, wenn gewünscht und in beiderseitigem Einverständnis, zur intimsten Kommunikation, die in ihr Gegenteil verkehrt wird, wenn aufgedrängt, aufgezwängt im Akt der Vergewaltigung, der Folter. Viele kennen Personen, die unter Alkoholeinfluss sonst beachtete Sozialdistanzen verletzen, zudringlich nahe kommen. Widerlich, wenn der Atem des Aufdringlichen in vermeintlicher netter, intimer «Kommunikation» dem Übergriff noch den schlechten Geruch beimischt…

Eine andere Art von Distanzlosigkeit hat sich im Internet festgesetzt. Dort tobt der böse, demaskierte, schrankenlose Angriff, die Überwältigung, der shit storm, das Mobbing, die Verleumdung, die Vergewaltigung und Folter durch diese Art von «Kommunikation», eine Vorstufe sozusagen zum bestialischen, barbarischen Handeln des rabiaten Spießers als Untier, als Täter. Lange, bevor er oder sie zu realen Taten schreiten, kotzen sie sich vergiftend, asozial, egoistisch dummböse aus, oft reale Ergebnisse damit nach sich ziehend, für die sie aber keine Verantwortung übernehmen.

Adorno führte seine Gedanken weiter aus und schreibt von dieser einseitigen Nichtkommunikation, der Verständnislosigkeit und dem Vorbeireden (im Abschnitt «Struwwelpeter» seiner Minima Moralia) vom gefährlichen Diktat der Ökonomie, der Kürze, der falschen Nähe:
«Statt dessen gilt nun für die kürzeste Verbindung zwischen zwei Personen die Gerade, so als ob sie Punkte wären.» «Das Tabu gegen Fachsimpelei und die Unfähigkeit zueinander zu reden sind in Wahrheit das Gleiche. Weil alles Geschäft ist, darf dessen Name nicht genannt werden wie der des Stricks im Hause des Gehenkten. Hinter dem pseudodemokratischen Abbau von Formelwesen, altmodischer Höflichkeit, nutzloser und nicht einmal zu Unrecht als Geschwätz verdächtiger Konversation, hinter der anscheinenden Erhellung und Durchsichtigkeit der menschlichen Beziehungen, die nichts Undefiniertes mehr zuläßt, meldet die nackte Roheit sich an. Das direkte Wort, das ohne Weiterungen, ohne Zögern, ohne Reflexion dem andern die Sache ins Gesicht sagt, hat bereits Form und Klang des Kommandos, das unterm Faschismus von Stummen an Schweigende ergeht. Die Sachlichkeit zwischen den Menschen, die mit dem ideologischen Zierat zwischen ihnen aufräumt, ist selber bereits zur Ideologie geworden dafür, die Menschen als Sachen zu behandeln.»

Hinsichtlich der Sprache und des Redenkönnens hat Nietzsche Ähnliches festgehalten: «Sie haben verlernt, zu andern Menschen zu reden, und weil sie nicht zu älteren Leuten reden können, können sie es auch nicht zu jungen.» (1875)

Diese Kommandosprache als Teilresultat der unerbittlichen Ökonomie und des unbegrenzten Utilitarismus übt die neue Barbarei ein, eine Art von neuem Inhumanismus, von Intoleranz, sozialem Unvermögens, von Kälte. Der Twitterpöbel liefert davon den adäquaten sprachlichen Ausdruck: Rohkost aus dem sozialen Biomarkt.

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