Kein Grund zu Euphorie

20.07.2015 Kurt Bracharz

«Unser Volk hat schon viele Verhandlungen und Verträge erlebt. Es gibt keinen Grund, jetzt in Euphorie zu verfallen über diesen Vertrag mit Amerika und dem Westen.» Das stand nach dem jüngst abgeschlossenen Wiener Atomabkommen zwischen Iran und USA in einer Zeitung, allerdings in keiner westlichen, denn diese äußerten sich größtenteils tatsächlich euphorisch.


Nein, diese Skepsis drückte die iranische Zeitung «Keyhan» aus, die als Sprachrohr des Obersten Revolutionsführers Ali Khamenei gilt. Der hieß zwar selbst die Verhandlungen und ihr Ergebnis ausdrücklich gut, aber vielleicht gestattet er sich ja selbst eine zweite Meinung. Erstaunlich ist das aber doch, denn wenn irgendwo Grund zur Euphorie besteht, dann im Iran. Die Abschreckung durch A-Waffen funktioniert nur, wenn man tatsächlich welche hat und sie vorzeigen kann. Die Nordkoreaner haben deshalb demonstrativ ab 2006 mehrmals unterirdisch Kernwaffen gezündet (oder sehr viel Sprengstoff verwendet, um das vorzutäuschen).

Iran ist sicher in der Lage, entgegen dem Abkommen die Entwicklung einer Atombombe im Geheimen weiter voranzutreiben – die Anlagen dazu sind vorhanden und wohl kaum alle durch Spionagesatelliten dem Westen bekannt. Allerdings müsste Iran, wenn es so weit ist, seine Bomben herzeigen und würde damit den Vertragsbruch offenbaren. Es gibt eigentlich keinen Grund, den Ayatollahs jetzt plötzlich über den Weg zu trauen, aber die Geilheit auf Geschäfte, die man nun wieder mit Iran machen können wird, ist stärker als die Vernunft. Der politische Hintergrund für die Verhandlungen waren der Kampf gegen den Islamischen Staat und die Frage, wer der neue Hegemon im Nahen Osten werden soll, das wahabitische Saudiarabien oder der schiitische Iran.

Iran unterstützt den Alawiten Baschar al-Assad und wird das auch weiterhin tun, weil möglicherweise sogar die Amerikaner mittlerweile begriffen haben, dass sich nach dem Sturz des Assad-Regimes das dritte Machtvakuum nach jenen in Irak und Libyen mit IS, Terror und Chaos füllen würde. Iran ist andererseits auch der Erfinder und Förderer der Schiiten-Miliz Hisbollah im Libanon und der finanzielle Unterstützer der Hamas im Gazastreifen. Man kann annehmen, dass von den jetzt wieder freigegebenen Dollar- und Euro-Milliarden an bislang eingefrorenem iranischem Auslandsvermögen ein angemessener Anteil an diese Organisationen fließen wird. Die Amerikaner setzen ihr probates Gegenmittel ein: Sie rüsten Saudiarabien und Israel weiter auf, zum Beispiel mit Abfangraketen zur Abwehr von Langstreckenraketen. Das waren goldene Zeiten, als man mit der Metapher vom Pulverfass Naher Osten wirklich nur Schießpulver meinte!


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