68. Filmfestival Locarno

04.08.2015 Walter Gasperi

05.08.2015 bis 15.08.2015  Filmfestival Locarno

Einen Mix aus Altmeistern wie Chantal Akerman und Otar Iosseliani sowie Newcomern bietet der Wettbewerb des 68. Filmfestivals von Locarno (5. – 15.8. 2015). Auf der Piazza Grande wird wie gewohnt mit neuen Filmen unter anderem von Jonathan Demme und Judd Apatow die Unterhaltung nicht zu kurz kommen, aber auch Elisabeth Scharangs «Jack» und Lars Kraumes «Der Staat gegen Fritz Bauer» erleben in diesem Rahmen ihre Weltpremiere.


Eröffnet wird das Festival, das nach Venedig und Moskau zu den ältesten Veranstaltungen dieser Art zählt, mit der Weltpremiere des neuen Films von Oscar-Preisträger Jonathan Demme. In dem von «Juno»-Autorin Diablo Cody geschriebenen «Ricky and the Flash» will sich Meryl Streep als alternde Rocksängerin, die der Karriere wegen die Erziehung der Kinder ihrem Mann überlassen hat, mit ihrem Nachwuchs aussöhnen.

Neben «Ricky and the Flash» werden 15 weitere Lang- sowie drei Kurzfilme auf der rund 8000 Besucher fassenden Piazza Grande präsentiert werden, neun davon als Weltpremiere. Der Bogen spannt sich dabei bei den Amerikanern neben Demmes «Ricky» von Judd Apatows neuer Komödie «Trainwreck» bis zu Antoine Fuquas Boxerfilm «Southpaw».

Nicht zuletzt für die zahlreichen deutschen Touristen im Tessin dürfte man «Der Staat gegen Fritz Bauer» ins Programm aufgenommen haben. Lars Kraume erzählt darin vom hessischen Generalstaatsanwalt, der in den späten 1950er Jahren gegen den Widerstand der deutschen Öffentlichkeit für die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen kämpfte – ein Thema, mit dem sich jüngst schon Giulio Ricciarelli in fiktionalisierter Form in «Im Labyrinth des Schweigens» beschäftigte.

Die Schweiz ist auf der Piazza mit Lionel Baiers «La vanité» sowie mit «Erlkönig», dem neuen Kurzfilm des Animationsfilmers Georges Schwizgebel vertreten. Gespannt sein darf man auch auf «Jack» von Elisabeth Scharang, in dem die Österreicherin das Leben des Wiener Mörders, Frauenschwarms und Society-Fixsterns Jack Unterweger aufarbeitet, oder auf Alfonso Gomez-Rejons Sundance-Erfolg «Me and Earl and the Dying Girl».

Der Kanadier Philippe Falardeau, der für «Monsieur Lazhar» 2011 den Publikumspreis gewann, zeigt mit «Guibord s´en va-t-en guerre» ebenso seinen neuen Film wie die Französin Catherine Corsini, die «Partir – Die Affäre» mit «La belle saison» eine lesbische Liebesgeschichte folgen lässt.

Bollywood-Kino fehlt hier mit Anurag Kashyaps «Bombay Velvet» ebenso wenig wie Lateinamerikanisches mit «Heliopolis» des Brasilianers Sérgio Machado. Neben neuen Filmen kann man in diesem großartigen Freiluftkino aber auch Klassiker wie «The Deer Hunter» oder «I pugni in tasca» (wieder)entdecken, die anlässlich der Verleihung von Ehrenleoparden an die Regisseure Michael Cimino und Marco Bellocchio gezeigt werden.

Zusätzlich werden zu Ehren dieser Regisseure weitere Filme wie «Heaven´s Gate» und «Year of the Dragon» beziehungsweise «Buongiorno, Notte» und «Vincere» tagsüber in einer der zu Kinosälen umgebauten Mehrzweckhallen gezeigt. Bellocchios neuester Film allerdings «Sangue del mio sangue» wird aber wohl frühestens in Venedig vorgestellt werden.

Herzstück des Festivals ist aber in erster Linie nicht das Piazza-Programm, sondern der Wettbewerb um den Goldenen Leoparden. 19 Filme, darunter 16 als Weltpremieren, konkurrieren heuer um die begehrte Auszeichnung. Lag der Fokus früher weitgehend auf ersten und zweiten Spielfilmen, so öffnet sich das Festival vermehrt auch schon arrivierten, aber eher eine Außenseiterposition einnehmenden Regisseuren.

So ist der Pole Andrzej Zulawski mit seinem ersten Film seit 15 Jahren («Cosmos») ebenso im Wettbewerb vertreten wie die Belgierin Chantal Akerman mit «No Home Movie», der in Frankreich lebende Georgier Otar Iosseliani mit Chant d´Hiver« oder der Koreaner Hong Sangsoo mit »Right Now, Wrong Then«. Auffallend ist, dass der künstlerische Leiter Carlo Chatrian als Schweizer Film nur den von einem Kollektiv gedrehten »Heimatland« für den Wettbewerb ausgewählt hat.

Gespannt sein darf man hier aber auch auf »Chevalier« der Griechin Athina Rachel Tsangari, die mit ihrem Debüt »Attenberg« Aufsehen erregte, und »Schneider vs. Bax« des Niederländers Alex van Warmerdam, dessen letzter Film »Borgman« 2013 im Wettbewerb von Cannes lief.

Mit dem 317-minütigen »Happy Hour« des Japaners Ryusuke Hamaguchi gibt es auch heuer wie im letzten Jahr mit Lav Diaz´ späterem Siegerfilm »From What Is Before« einen überlangen Film im Wettbewerb. – Ob man hier eine spannende Entdeckung machen kann, wird sich ebenso wie bei den anderen Filmen erst zeigen. Fix ist aber, dass der geographische Bogen mit Produktionen von Russland bis Mexiko, von Sri Lanka bis Israel und von den USA bis zum Iran weit gespannt ist.

Chancen auf Entdeckungen bietet aber auch wie gewohnt der ersten und zweiten Spielfilmen vorbehaltene »Concoros Cineasti del presente« und der Nachwuchs stellt seine Arbeiten in der Reihe »Pardi di domani« vor.

Wie jedes Jahr wird auch heuer wieder die Vergabe von Preisen von der Präsentation von Filmen der Geehrten begleitet. Neben den Ehrenleoparden für Cimino und Bellocchio erhalten heuer Bulle Ogier und Marlen Khutsiev je einen »Pardo alla carriera«, Edward Norton den »Excellence Award Moët & Chandon«, Andy Garcia den »Leopard Club Award« und der Ton- und Schnitttechniker Walter Murch den »Vision Award Nescens«.

Die große Retrospektive ist heuer dem vor allem für seine Spätwestern bekannten Sam Peckinpah gewidmet und Einblick in das aktuelle Schweizer Filmschaffen bietet das »Panorama Suisse«. Neben schon in den eidgenössischen Kinos gestarteten Filmen wie Simon Jaquemets »Chrieg« und Stina Werenfels »Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern« werden hier unter anderem auch Stefan Schwieterts »Imagine Waking Up Tomorrow and All Music Has Disappeared« und »Wild Women – Gentle Beasts«, in dem Anka Schmid Zirkus-Dompteurinnen porträtiert, vorgestellt.

Und last but not least ist schließlich seit nunmehr 25 Jahren auch die »Semaine de la critique", in der sieben ungewöhnliche Dokumentarfilme gezeigt werden, fixer Bestandteil des Filmfestivals Locarno. – Abgerundet wird damit ein Festival, dessen Stärke nicht zuletzt in seiner Vielfalt liegt, im Mix aus Unterhaltungskino und Experiment, aus Spiel- und Dokumentarfilm, aus aktuellen Produktionen und Blick auf die Filmgeschichte.

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  • Ricki and the Flash (Jonathan Demme); © Festival del film Locarno
  • Southpaw (Antoine Fuqua); © Festival del film Locarno
  • Der Staat gegen Fritz Bauer (Lars Kraume); © Festival del film Locarno
  • Jack (Elisabeth Scharang); © Festival del film Locarno
  • No Home Movie (Elisabeth Scharang); © Festival del film Locarno
  • Heimatland (Lisa Blatter, Gregor Frei, Jan Gassmann, Benny Jaberg, Carmen Jaquier, Michael Krummenacher, Jonas Meier, Tobias Nölle, Lionel Rupp, Mike Scheiwiller); © Festival del film Locarno
  • The Wild Bunch (Sam Peckinpah); © Festival del film Locarno
  • Imagine Waking Up TomorroW and All Music Has Disappeared (Stefan Schwietert)

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