Animationen

19.07.2015 Haimo L. Handl

Etliche Bemühungen unserer Bildungseinrichtungen, aber auch einiger Qualitätsmedien, sind auf eine Art von Animation von Kindern und Jugendlichen ausgerichtet, sich überhaupt oder mehr traditionellen Medien bzw. Gattungen und Genres zuzuwenden. Dabei geht es weniger um eine neue Art der Traditionspflege, sondern eher um gewisse Kulturtechniken, die für weite Teile der Bevölkerung verlorenzugehen scheinen.


Drastisch zeigt sich das besonders im Bereich der pauschal als «Klassik» bezeichneten Musik sowie der anspruchsvollen Literatur. Kaum ins Gewicht schlägt die bildende Kunst, weil dort der Markt das obszöne Regime übernommen hat. Alles, was marktgerechtes Show Biz ist, vermittelt sich leicht, ist easy going und lukrativ. Gewisse sogenannte Hochkultur fristet ein Nischendasein, meist subventioniert, überkommen, obsolet, den Jungen nichtssagend.

In meiner Jugend in den Sechzigerjahren war es chic (damals sagte man noch nicht «in»), die verjazzten Versionen einiger Werke von Bach sich anzuhören; der französische Pianist Jacques Loussier hatte sie seit 1959 herausgebracht. Doch nach einiger Zeit wurde das Jazzgeklimper zu fad. Ich hatte schon früh gelernt zum Schmied und nicht zum Schmiedel zu gehen. Also ließ ich Loussier links liegen. Es dauerte zwar einige Zeit, bis sich die mir damals zu mathematisch erscheinende Musikwelt des Johann Sebastian Bach eröffnete, aber ich wollte den Verschnitt, die Übernahme nicht annehmen.

In der Philosophie oder Literatur war es ähnlich. Soll ich mich mit Erklärversionen, Einführungen oder sprachbereinigten Leichtversionen zufrieden geben oder nicht gleich mich am Original versuchen? Ich entschied mich für letzteres. Das führte natürlich dazu, dass ich als Vierzehn- oder Sechzehnjähriger vieles überhaupt nicht verstand, aber ich «arbeitete» mit dem Stoff. Schließlich führte das zu einer vertieften Kenntnis, aus der manche Erkenntnis erwuchs, bzw. meine Welt bereichert wurde, wie sie die Einführungen oder Surrogate nie hätten leisten können. Mein Sprachempfinden bzw. «Kunstempfinden» schulte sich nicht am jeweiligen Alltagsdeutsch von Massenmedien, nicht an massenmedialen Meinungen, wiewohl Rezensionen oder Debatten meine Rezeption mitformten.

Von daher schon bin ich skeptisch, dass man über Leichtversionen, über Substitute zum hehren Höheren führen könne. Unabhängig davon, wieweit ein geschultes Lesen überhaupt einen Eigenwert darstellt, oder die Hinwendung zur Klassik, die ja nicht nur die eigentliche Klassik umfasst, sondern ebenso Werke aus anderen Epochen, was aber der Einfachheit halber, fürs breite Publikum unter der Marke „Klassik“ subsummiert wird, wichtig und von Bedeutung (welcher?) ist, stand für mich schon früh fest, dass ich nicht der Fotoromane bedarf, der Bildchen oder Comics, um einen Stoff für mich befriedigend zur Lektüre nehmen zu können.

Nachdem auch Musik mehr und mehr übers Auge als Show, Event, Spektakel wahrgenommen wird, gilt eine Violinistin, die hübsch, adrett, sexy, erotisch provozierend im transparenten Oberteil, oder überhaupt halbnackt auftritt als besonderes Ereignis, das gefangen nimmt. Künstler fallen als vermeintliche Avantgardisten auf, wenn sie ihre Instrumente malträtieren. Klar, kann das oft eine Abwechslung, eine Neuerung sein. Werke und Instrumente gegen ihre eigentliche Funktion, gegen die Intention des Originators zu verwenden, zu gebrauchen bzw. zu missbrauchen, kann eine Kulturleistung darstellen; denken wir nur an die Bücherverbrennungen, die in der Geschichte immer wieder unter Beweis stellten, wie tief und gut und befriedigend gewisse Gebräuche der Purifikation, Reinigung sind.

Hinter der Animation steht die Überzeugung, dass den «normalen» Kindern oder Jugendlichen nicht zumutbar ist, die Barrieren der Näherung zu überwinden, weshalb alle Anstrengungen unternommen werden sollen, sie über moderne Adaptionen dort abzuholen, wo sie sind. Aber wohin sollen sie dann mitgenommen werden? Dieses Konzept ist im Wesentlichen ein Betrug an sich selbst und an den zu Animierenden. (Im Hochleistungssport wird das Gegenteil praktiziert!) Deshalb funktioniert es auch nicht. In der Zwischenzeit dürfen allerdings gewisse Animateure Erfolge feiern, auffallen und ihre Selbstdarstellungen als Vermittlung oder Interpretation verhökern.

Und wenn das Publikum wirklich nicht nachwächst für das, was einige «Klassik» nennen oder Oper? Dann wären realistische Reaktionen die adäquate Antwort: Schließung der Hochkulturtempel und Bibliotheken sowie jener Universitätsinstitute, die ohne Gegenwarts- und Massenbezug als geistige Orchideengärtner einfach Geld verschwenden.

Die Berufung auf Traditionen ist immer mehrseitig. Der IS beweist eindrücklich, dass gewisse Traditionsbesinnungen zu einer gekonnten Pflege von Grausamkeit führen; eine alte Kulturübung. Es ist noch nicht so lange her, als die Nationalsozialisten eine neue Gemeinschaftswelt aufzubauen gedachten, ähnlich wie die Bolschewiki den Plan des Neuen Menschen umzusetzen versuchten. In beiden faschistischen Lagern, dem rechten wie dem linken, war kein Platz für die alten Kulturwerte.

Lernt oder erfährt man das auch in der esay going world, der brave new one?

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