Erinnerungswerte

12.07.2015 Haimo L. Handl

Die breit angelegten Jubelfeiern des 650. Geburtstages der Wiener Universität können nicht verdecken, dass es nicht nur dunkle Flecken gibt in ihrer Geschichte, sondern abstoßend dunkle Seiten, die nicht schöngeredet werden können. Dass ausgerechnet eine Universität KEIN Hort des Freiheitsdenkens war, oft auch nicht im wissenschaftlichen Bereich, sondern eine Anstalt unter langem unseligen Einfluss der Jesuiten, eine Gegenreformationsschule (wie bei den Moslems eine höhere Koranschule) extremer Intoleranz einerseits, eine Brutstätte antisemitischer, nazistischer Ungeister andererseits, wird durch den Verweis auf hervorragende Wissenschaftler nicht ausbalanciert. Die Unfreiheit, das Bunkern und Ab- und Ausgrenzen war früh erfolgt, gewann Terrain nach dem verlorenen 1. Weltkrieg und kulminierte dann im offenen Naziterror universitärer Kollaboration.


«Ein düsteres Bild der Uni Wien, das eine Ergänzung verlangt. Mag sie auch von Kleingeistern durchsetzt und zuweilen auch beherrscht gewesen sein, verstand sie doch Gelehrtenpersönlichkeiten von Rang hervorzubringen.» Mit diesen Sätzen leitet Rudolf Taschner seinen relativierenden Artikel in der PRESSE (18.6.2015) ein. Die gefeierten Gelehrtenpersönlichkeiten als Gegengewicht und Gegenargument! Taschners Beitrag ist als Antwort an Klaus Taschwer und sein Buch «Hochburg des Antisemitismus. Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert» gedacht.

Taschner, Mathematiker an der TU Wien, schreibt weiter: «Wobei anzumerken ist, dass solche Leute zu jeder Zeit und an allen Hochschulen und Akademien anzutreffen sind. Die guten Universitäten entledigen sich jedoch der Kleingeister oder lassen diese nicht hochkommen. Doch dazu muss wohl ein geeignetes gesellschaftliches Umfeld vorhanden sein, das nach 1918 … schlicht nicht gegeben war.»

Also, so die Botschaft, Ungeister gab es überall. Dann stellt er fest, dass die guten Universitäten solches Gesindel marginalisierten, es nicht hochkommen ließen. Folgerung: die Universität Wien war keine gute. Diese Erkenntnis relativiert er jedoch mit dem nächsten Satz, dass es dazu ein «geeignetes gesellschaftliches Umfeld» brauchte, das nicht gegeben war. Aha, und das entschuldigt wieder relativierend die Rolle und Funktion der Universität, die einfach nicht das entsprechende freie, republikanische, offene Umfeld fand – und gar nicht anders konnte. So erliegt man aber Täuschungen. Denn eine alternative Sicht oder Einsicht wäre, dass gerade bei negativer Entwicklung des Umfeldes eine «gute Universität» Anstrengungen auf sich nähme, dem etwas entgegenzusetzen. Die Universität ist nicht einfach ein passiv widerspiegelndes Gebilde, sondern ein aktiv tätiges, das durchaus auf Veränderung oder Widerstande gerichtet sein kann oder muss. Jedenfalls nicht zum Gegenteil.

Wie sieht das heutige Umfeld für die Universität aus? Nicht so dramatisch schlecht, wie damals. Aber auch nicht sehr gut. Die ÖVP, wie ihre Vorgängerpartei der reaktionären Christlichsozialen, stufte die Wichtigkeit der Hochschulbildung realistisch ein und eliminierte das Wissenschaftsministerium. Dessen Aufgaben wurden 2013 vom Wirtschaftsminister MItterlehner übernommen. Die SPÖ stellt zwar den Kanzler, agiert aber wie eine Verliererpartei und verliert auch. Die Universitäten suchen Drittmittelgeber, ausländische Studenten sowie Wirtschaftspartner und versuchen mit geschickterem Marketing von ihren Existenzen Zeugnis zu geben einer Bevölkerung, die im gros nach wie vor nicht an ihnen interessiert ist.

Jubelstimmung? Einiges gemahnt mich an den glorreichen Arbeiter- und Bauernstaat der DDR: Selbsttäuschung als Staatsauftrag. Dankenswerter Weise nur Einiges. Denn es gibt produktive, moderne Institute, Forschung trotz Behinderung und sogar Studenten, die nicht nur lesen und schreiben können, sondern sogar denken. Das ist immerhin mehr als früher.

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