Sechs schlanke Hamburger

08.07.2015 Rosemarie Schmitt

Friedemann wurde 1710 und Carl Philipp Emanuel 1714 geboren. Was die Jahreszahl der Geburt betrifft war Friedemann seinem Bruder Carl Philipp Emanuel vier Jahre voraus. Doch war dies auch in musikalischer Weise der Fall? Ich denke nicht. Für J.S. Bach war Friedemann nicht bloß der begabteste, sondern auch der von ihm geliebteste Sohn. Vielleicht sah er das eine, weil er das andere empfand?


Dabei war Emanuel seinem Vater vielleicht am ähnlichsten. Als einziger Bach-Sohn schaffte er es, zu solidem Wohlstand zu gelangen. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte er in Hamburg. Bis zu seinem 54. Lebensjahr jedoch ließ ihn Berlin nicht gehen. Was mitnichten an einer Liebe zu dieser Stadt lag, sondern an Verpflichtungen, die er eben dort eingegangen war. Er liebte Hamburg, eine Stadt, von der man zu jener Zeit behauptete, sie würde von der Lust des Gelderwerbs regiert. C.P.E. Bach war ein Künstler. Doch war er auch ein studierter Jurist und Pfennigfuchser (nicht promoviert). Der Dichter und Journalist Matthias Claudius sagte gar Bach sei kalt gegen alles, was nicht gut bezahlt würde.

Im Auftrag des österreichischen Botschafters Baron van Swieten schrieb der, dessen Herz für das Clavier [sic] schlug, sechs Streichersinfonien. Er schuf mit beinahe 60 Jahren die Hamburger Sinfonien, eine der kompositorischen Meilensteine C.P.E. Bachs. Baron van Swieten, der ein Bewunderer C.P.E. Bachs war, bat den Komponisten diesen Auftrag auzuführen «ohne auf die Schwierigkeiten Rücksicht zu nehmen, die daraus für die Ausübung nothwendig entstehen müssen.» Bei jenen Hamburger Sinfonien verzichtete C.P.E. Bach auf die Einfügung eines Menuetts, jenes bloßen «Schminkpflästerchens auf dem Angesicht einer Mannsperson» (Johann Adam Hiller). Eine wundervolle Entscheidung, wie ich finde. Diese sechs dreisätzigen, schlanken Hamburger sind ein Genuss und bedürfen in der Tat keines Pflästerchens!

Der Komponist und Musikgelehrte Johann Friedrich Reichardt, leitete die Probeaufführung der Sinfonien. In seiner Autobiographie ist zu lesen: «Jeder, der diese Werke hörte, war begeistert von der originellen und geschickten Durchführung der musikalischen Ideen und der großen Mannigfaltigkeit von Form und Modulation. Es scheint unwahrscheinlich, daß dem Geist eines genialen Komponisten jemals geistvollere, kühnere und humorvollere Musik entspringen wird. Wenn die Ideen auch nicht ganz deutlich wurden, so hörte man doch mit Entzücken den originellen, kühnen Gang der Ideen, und die grosse Mannigfaltigkeit und Neuheit in den Formen und Ausweichungen. Es wäre ein reeller Verlust für die Kunst, wenn diese Meisterarbeiten in einer Privatsammlung vergraben bleiben sollten.»

Was ich noch zuzufügen habe? Dies: Sollten Sie an einer Interpretation jener Hamburger Sinfonien für Ihre Privatsammlung interessiert sein (und das empfehle ich unbedingt!), die all jene musikalischen Ideen, jene erwähnte große Mannigfaltigkeit von Form und Modulation, diese geistvolle, kühne, originelle und humorvolle Komposition in vollendeter Weise beeinhaltet, so kann ich Ihnen die mir vorliegende Aufnahme des Kammerorchesters Carl Philipp Emanuel Bach unter der Leitung von Hartmut Haenchen ans Herz legen. Selbsverständlich nur sinnbildlich, denn die Ohren sind für diesen Zweck geeigneter. Doch ich garantiere, diese Musik wird den Weg zu Ihren Herzen auf direktem Wege finden.

Carl Philipp Emanuel Bach
Hamburger Symphonies
Kammerorchester «Carl Philipp Emanuel Bach»
Dirigent und Leitung: Hartmut Haenchen
2 CD (3. Juli 2015)
Label: Brilliant Classics (Edel)

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

  • Carl Philipp Emanuel Bachs Hamburger Sinfonien

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