Provozieren und rebellieren: Der italienische Filmregisseur Marco Bellocchio

10.08.2015 Walter Gasperi

Zusammen mit Bernardo Bertolucci, Pier Paolo Pasolini, Francesco Rosi, Ermanno Olmi und den Taviani-Brüdern gehört der 1939 in Bobbio geborene Marco Bellocchio zu den Regisseuren, die in den 60er Jahren neuen Schwung ins italienische Kino brachten. Von seinem furiosen Debüt «I pugni in tasca» (1965) bis zu «Bella addormentata» (2012) erregte er mit seinen Angriffen auf Familie, Staat und Kirche immer wieder Aufsehen. Beim heurigen Filmfestival von Locarno erhält Bellocchio einen Ehrenleoparden.


Schon in seinem ersten Film «I pugni in tasca» («Mit der Faust in der Tasche», 1965), der vor 50 Jahren in Locarno seine Premiere feierte, zeichnete Bellocchio am Beispiel einer Familie, in der die blinde Mutter, drei epileptische Kinder und der gesunde älteste Sohn um den Vorrang kämpfen und sich gegenseitig ermorden, ein vernichtendes Bild der Dekadenz der bürgerlichen Familie.

Wie Marco Ferreri formulierte auch Bellocchio in seinen Filmen immer wieder seinen Zorn über gesellschaftliche Missstände in satirisch überspitzten Parabeln. In seinem zweiten Film «La cina è vicina» («China ist nahe», 1967) beschreibt er die Wahlkampagne eines Kandidaten der sozialistischen Partei als kleinbürgerliche Farce vor einem Hintergrund allgemeiner Korruption und stellt dieser Welt als Gegenpol ein strenges katholisches Internat gegenüber, in dem Linksradikalismus maoistischer Prägung um sich greift.

Gesellschaftliche Aktualität zeichnet auch seinen folgenden Beitrag zum Episodenfilm «Amore e rabbia» («Liebe und Zorn», 1968) aus, verarbeitet er in «Discutiamo, discutiamo» («Wir reden und reden», 1968) doch die Studentenunruhen dieser Zeit und deckte die ohnmächtige Wut der studentischen Opposition auf.

Um das Aufbegehren gegen autoritäre Strukturen geht es auch in «Nel nome del padre» («Im Namen des Vaters», 1971), in dem Schüler eines katholischen Internats einen Streik des Dienstpersonals zum eigenen Aufstand nützen, dabei aber letztlich nur neue Hierarchien einrichten. Die realistische Ebene wird dabei immer wieder von surrealistischen Passagen unterbrochen, die an die Filme von Luis Bunuel erinnern.

Am Politthriller orientierte sich Bellocchio dagegen bei «Sbatti il mostro in prima pagina» («Knallt das Monstrum auf die Titelseite!», 1973), in dem vor dem Hintergrund des in Dokumentarfilmszenen einfließenden Mailänder Wahlkampfs der Chefredakteur einer rechtsgerichteten Zeitung versucht, einen Sexualmord einem Anarchisten in die Schuhe zu schieben und so die gesamte politische Linke zu diffamieren.

Zwei Jahre später kam der dreieinhalbstündige Dokumentarfilm «Nessuno o tutti» («Niemand oder alle», 1975) heraus, in dem sich Bellocchio engagiert mit dem Versuch der Wiedereingliederung psychisch Kranker in die Gesellschaft beschäftigt.

Die Familie, die katholische Kirche, autoritäre Strukturen und die italienische Politik sind Themen, die sich quer durch das Werk dieses Rebellen ziehen. So brachte 1979 «Salto nel vuoto» («Der Sprung ins Leere») quasi eine Rückkehr zu seinem Debüt «I pugni in tasca» fokussierte er doch wiederum auf einer Familie und schilderte nun anhand eines gegenseitig voneinander emotional abhängigem Geschwisterpaar desolate familiäre Strukturen.

In die italienische Politik und Geschichte tauchte dieser scharfe Gesellschaftskritiker dagegen in «Buongiorno, Notte» («Buongiorno, notte – Der Fall Aldo Moro», 2003) und «Vincere» (2009) ein. Während er im ersten die Entführung des italienischen Miinisterpräsidenten Aldo Moro im Jahr 1978 durch die Brigate Rosso in einem dichten Kammerspiel aus der Innensicht der Täter rekonstruiert, erzählt er in «Vincere» in Form eines durch fulminante Musikmontage opernhaft überhöhten Melodrams vom Aufstieg Mussolinis und der von ihm abgeschobenen ersten Frau, die um die Anerkennung ihres Sohnes als Kino des Duce kämpft.

Immer wieder hat Bellocchio mit seinen Filmen auch für Skandale gesorgt. Waren es im Remake von «Il diavolo in corpo» («Teufel im Leib», 1986), in dem es um eine Amour fou und die Unergründlichkeit des Begehrens geht, Sexszenen, die die Öffentlichkeit erregten, so provozierte und verärgerte er mit «L´ora di religione» («Das Lächeln meiner Mutter», 2002), in dem er von der bevorstehenden Heiligsprechung der Mutter eines atheistischen Künstlers erzählte, die katholische Kirche.

Thematisch provokant ist auch «Bella addormentata» («Schlafende Schönheit», 2012), arbeitet Bellocchio darin doch den realen Fall von Sterbehilfe für eine seit 17 Jahren im Koma liegende Frau auf. Und auch sein jüngster Film «Sangue del mio sangue» («Blut von meinem Blut», 1975), der im Wettbewerb des Festivals von Venedig uraufgeführt werden wird, könnte wieder für einige Aufregung sorgen, erzählt der 76-Jährige darin doch von einer Nonne, die der Hexerei angeklagt wird und einen jungen Gläubigen verführt.

Quellen:
Gregor, Ulrich, Geschichte des Films ab 1960, Bd. 3, S. 82ff.
Gerhard Midding, Retrospektive der Filme von Marco Bellocchio (Tip Berlin, 5.10. 2012)
Kino Arsenal, Retrospektive Marco Bellocchio (Oktober 2012)

Trailer zu «I pugni in tasca»

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  • Marco Bellocchio (geb. 1939)
  • I pugni in tasca (1965)
  • Nel nome del padre (1972)
  • Il diavolo in corpo (1986)
  • Buongiorno, notte (2003)
  • Vincere (2009)
  • Bella addormentata (2012)
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