Massacre du Printemps?

17.06.2015 Rosemarie Schmitt

Er schrieb diese Musik sowohl für Orchester als auch für vier Hände. Genau gesagt, für vier Hände an einem Klavier oder Flügel. Etwa 85 Jahre später, nämlich 1997, taten sich zwei der brillantesten Pianisten Israels zu einem Duo zusammen. Sie: Sivan Silver und er: Gil Garburg. Zunächst machten die beiden ausschließlich gemeinsam Musik, doch dann konnten sie offensichtlich die Finger nicht an sich und voneinander, beziehungsweise an den Tasten lassen.


Sie tasteten sich vor und heran an ein gemeinsames Leben. Inzwischen haben sie einen Sohn und sagen, dass Eltern zu sein ein großer Teil ihres Lebens ist. Sie leben in Berlin und nehmen ihr Kind, auf allen großen Tourneen mit. Derzeit sind die drei mit einem neuen musikalischen Projekt unterwegs. Das klingt sehr romantisch, oder etwa nicht? Nun, das wäre es vermutlich auch, würden sie nicht ausgerechnet Strawinsky spielen.

Im Mai 2015 erschien bei ihrem neuen Exklusivpartner Berlin Classics/EDEL Petruschka und Le Sacre du Printemps von Igor Strawinsky zu vier Händen. Silver und Garburg sind geniale Musiker, technisch brilliant und facettenreich. Sie bezeichnen sich selbst als Perfektionisten. Mindestens sechs Stunden täglich arbeiten sie an ihrem «gemeinsamem Atmen», arbeiten daran zu zweit eins zu sein.

«Jeder von uns beiden drückt seine eigenen Empfindungen und zugleich ein gemeinsames Empfinden aus. Wir sind eins und dennoch im Dialog miteinander – das ist Magie», sagt Sivan Silver. Und Gil Garburg ergänzt: «Je mehr wir arbeiten, desto mehr wachsen wir zusammen und werden zugleich freier. Wie ein Dirigent seine Vision mit dem Orchester umsetzt, so setzen wir unsere Vision eines Stückes mit vier Händen um.»

Die Uraufführung von Strawinskys Ballett «Le Sacre du Printemps», im Théatre des Champs-Élysées im Mai 1913 in Paris, ist der wahrscheinlich größte Skandal der klassischen Moderne. Als «Massacre du Printemps» wurde dieser Abend gar von manchen erlebt. Der Rhythmus sollte über die Musik herrschen, so war es von dem Komponisten gedacht, doch dann herrschte das pure Chaos über beidem. Gelächter, Pfiffe, Buh-Rufe waren das kleinere Übel. Das Publikum begann sich zu prügeln. Strawinsky floh hinter die Bühne. Die Polizei erfasste in ihrem Bericht 27 Verletzte.

Muss es also ausgerechnet Strawinsky sein? Es gib so viele, wirklich sanfte, romantische Werke für Klavier zu vier Händen und zwei Herzen. Und Silver-Garburg haben sie wohl alle bereits gespielt.

Ja, nun muss es ausgerechnet und unbedingt Strawinsky sein! Und wenn Sie Strawinsky mögen, werden Sie die Silver und Garburg lieben!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

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