Schlaf

13.06.2015 Bernhard Sandbichler

«Müde, die der Arbeit Menge und der heiße Strahl beschwert, wünschen, dass des Tages Länge werde durch die Nacht verzehrt, dass sie nach so vielen Lasten könnten sanft und süße rasten» - weiß schon der Bach-Choral Komm, oh Tod, du Schlafes Bruder. «Schlaf ist für den Menschen», so Arthur Schopenhauer aphoristisch zugespitzt, «was das Aufziehen für die Uhr.» Eben. Wer nicht schläft, tickt nicht richtig.


  • Achse 1: Diagnose
    Schlaf ist von zentraler Bedeutung für Wachstum und Entwicklung, für die Regeneration von Geist und Körper, fürs Gedächtnis und Immunsystem. «Sanft und süße» verarbeitet und löscht er, was sich tagsüber angesammelt hat.
     
  • Achse 2: Alltag
    Jede/r Dritte klagt heutzutage allerdings über Schlafmangel oder Schlafstörungen: Insomnie, Parasomnie, Hypersomnie, zikadiane Schlaf-Wach-Rhythmus-Störungen, Schnarchen und Atmungsstörungen, Zähneknirschen und Stöhnen im Schlaf und überhaupt!
     
  • Achse 3: Entwicklung
    Schläft man eine Nacht ganz schlecht, weil zu viel Alkohol, weil in der Nachbarschaft bis früh morgens eine laute Party gefeiert wird, weil draußen Hitze glüht, weil Kinder nächtens stören oder der Partner laut schnarcht, so ist man am nächsten Tag dysphorisch. Wenn das immer wieder passiert, monate- oder gar jahrelang, kann aus dieser miesen Stimmung eine Depression werden.
     
  • Achse 4+7: Intelligenz & Prognose
    Fatal ist, dass derart Schlafgestörte in der Schublade «Depression» oder «Burn-out» abgelegt werden: Ursache und Wirkung werden hier verwechselt und in der Folge falsch therapiert. «Es ist wohl noch immer so, dass nicht allen Medizinern klar ist, dass eine chronische Insomnie eine chronische Erkrankung ist, die ernst genommen werden sollte.» Leute mit dem Restless-Legs-Syndrom sind unter «Zappelphilipp» ebenfalls falsch abgelegt.
     
  • Achse 5: Körper
    Wie man sich bettet, so schläft man. Matratze und Kissen spielen eine Rolle für Wirbelsäule und Tiefschlaf. Was noch überhaupt nicht heißt, dass jedes neue Bettensystem nachweislich zum Wohlbefinden beiträgt. Von der positiven Wirkung des Zirbenholzes ist hier nicht die Rede. Das wird man weiterhin glauben müssen - oder auch nicht.
     
  • Achse 6: Psyche
    Stress, Lärm, Licht sind Schlafkiller. Dann leidet das Gedächtnis und man ist um Ecken dümmer. Der Kluge sorgt beizeiten vor und schläft.
     

Ingo Fietze : Über guten und schlechten Schlaf. Zürich: Kein & Aber 2015, 208 Seiten, EUR 20,50

Prof. Dr. Ingo Fietze, geboren 1960, ist Oberarzt für Innere Medizin an der Berliner Charité, wo er das Interdisziplinäre Schlafmedizinische Zentrum leitet. Er gehörte viele Jahre zum Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin und ist jetzt Vorsitzender der Deutschen Stiftung Schlaf.

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