Da fehlt mir was

27.05.2015 Rosemarie Schmitt

Was mir da fehlt, ist die Sonate, die im Grunde genommen Scarlattis Katze komponiert haben soll. Die Katze hat das Thema vorgespielt, und ihr Meister hat es zu Papier gebracht. Langsam nach oben sich vortastend und dann in Achteln wieder abwärts rollend. Da hätte der Herr Scarlatti auch selber drauf kommen können. Doch während er vielleicht noch darüber nachzudenken gedachte, schritt die Katze, zur Tat und über die Tastatur des Cembalos. So wurde jene Sonata in g-Moll (K30) folgerichtig und fair die Katzenfuge genannt.


Diese Sonate hätte ich, die SchmittsKatze, doch allzu gerne gehört. Doch Fräulein Huangci berücksichtigte diese nicht bei ihrer Auswahl. Die Chance für mich stand 555 : 1. Nachdem Claire Huangci alle 555 Sonaten, die ursprünglich für das und auf dem Cembalo komponiert wurden, durchgearbeitet hatte, wählte sie 39 aus. Nun brauchte sie ein System. In welcher Zusammenstellung sollte sie jene Sonaten einspielen? Wie, so fragte sie sich, könne sie die Sonaten am besten vortragen, ohne in der schieren Kompositionsfülle unterzugehen? Die Lösung beziehungsweise das Ergebnis ihrer Überlegungen und auch ihre pianistischen Fähigkeiten können Sie sich nun auf der Doppel-CD anhören, die kürzlich bei Berlin Classics / EDEL veröffentlicht wurde.

Claire Hunagci wählte für die erste CD des Albums einen Zyklus von jeweils drei Sonaten derselben Tonart und ließ jene als barocke Suiten daherkommen. Jede Suite dieser CD entspricht der Suitensatzform mit einer Ouvertüre (Präludium oder Toccata) zur Eröffnung und der üblichen Abfolge von Allemande, Courante, Sarabande und Gigue, dazu Intermezzi aus Bourrées, Passepieds, Gavotten oder Menuetten. Handelte es sich hier um ein Menü mit derart vielen Gängen, wäre ich ohne Zweifel nach dem Genuss mehr als satt! Ob es mir beim Zuhören ebenso erging? Nein, denn Huangci serviert durchweg leichte Kost, vielleicht ein wenig zu leicht, sie liegt weder schwer im Magen, noch bleibt sie lange im Gedächtnis.

Scarlattis Sonaten sind einsätzig. Ich teile nicht die Meinung, dass ein einziger Satz, so wie es Scarlatti vorgesehen hatte, aufgrund ihres Geschlechtes der Pianistin nicht ausreichte! Sie hatte sicher ihre Gründe für das Motto der zweiten CD des Albums: Aus eins mach drei! Neben dem tonalen Zusammenhang war es Huangci hier wichtig, die klassische Seite des Komponisten und der Sonaten hervorzukehren. Das bedeutet in diesem Fall drei, einmal auch vier, Sätze in der Abfolge schnell – langsam – schnell (oder anders herum?). Auch die Musik der zweiten CD klingt leicht und eingängig.

Zu ihrem Debütalbum «Sleeping Beauty» schrieb ich: «Das Spiel dieser Pianistin ist so wach, so lebendig, voller Lebensfreude- und Hunger, Kraft, Neugierde, unstürmischer Leidenschaft, indes erfaßt sie gleichermaßen die so typisch russische Melancholie, jene unsägliche Herzensschwere. Was diese junge, zierliche Pianistin in ganz besonderem Maße auszeichnet, ist ihre formidable Technik.» Ihre Technik ist nach wie vor formidabel! Doch, wo bleibt bei ihrer Interpretation von Scarlatti diese Lebendigkeit, diese Kraft und ungestüme Leidenschaft? Sleeping Beauty?

Es macht ohne jeden Zweifel Freude, Claire Huangcis Scarlatti-Sonaten zu hören, doch wie gesagt, da fehlt mir was, und es ist nicht nur die Katzenfuge.

Herzlich,
Rosemarie Schmitt

  • Claire Huangci spielt mit Scarlatti
  • Claire Huangci; © Mateusz Zahora

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