Des Schweizer Autors René Oberholzer neuer Gedichtband "Kein Grund zur Beunruhigung"

30.05.2015

Eine verschwommene Gestalt zeigt uns den Rücken, bewegt sich vom Betrachter weg in die neblige Undeutlichkeit dessen, was vor ihr liegt. Kerzengerade, also unhastig, tut sie den Schritt ins unscharf abgebildete, feinquadrige Pflaster, auf dem sie uns voranschreitet. Das Farbcover des Bandes als ruhig bestimmte Botschaft: Gib die dir anerzogene Konturenschärfe auf, wenn du dich auf Tiefgang einlassen willst?


Auf den Seiten 10 bis 246 erwartet die Leserinnen und Leser eine Fülle von Gedankensplittern, von denen einige diesen Impuls tragen. Die meisten aber sind klare, auf heitere oder besinnliche, ironische oder unmissverständlich kritische Pointen zugespitzte Gedankensplitter.

Ohne Kryptik, dafür mit köstlich feinem Wortspiel gestaltet, sind sie angenehm zu lesen, beziehen ihre Stärke aus der Knappheit, die zur Ergänzung animiert und eben dadurch im Ohr bleibt. Wenn René Oberholzer in einem persiflierenden Gedicht das Wort Unterholz verwendet, wenn er die scharf bewaffneten Militaristen ihre Übung abbrechen lässt, weil an Zickenalarm erinnernder Zeckenalarm ausgerufen wird, macht er bewusst, wie mühelos er Satire aus gegebener Sprache zu pflücken vermag.

Bisweilen verwendet er den Stift des Sprachkarikaturisten. «Hermann ist Fluchtwanderer / Er steht immer / Neben den Wanderschuhen …». Manche Gedichte beginnen mit einer griffigen Metapher, wie «Du bist die beste Wiederholung seit es Leben gibt…», münden aber bald wieder in satirischen Pointen. Zu ernst ist das Leben, um es ernst nehmen zu können, zu tragisch die Liebe, um nicht über sie zu spotten, zu poetisch die Dichtkunst, um sie nicht zu trivialisieren. Das unterschwellig vermittelte Konzept des Autors: Man muss sich lustig machen über alles, was man ernst nimmt, sonst ist es nicht auszuhalten. Das trifft nicht auf alle Texte des Bandes zu. Einige stehen auch in stillem Ernst da, wie jene über den ersten Weltkrieg. Bei den meisten aber verleiht Satire erst dem Ernst seine Plastizität und umgekehrt, setzt die Satire dem Ernst erst sein Trauerlachen auf.

Bei dem einen oder andern Text wünscht man sich den Vortrag, der ihm jene Rhythmik, jene Pausen und jene Akzente verleiht, die das Papier naturgemäß verweigert. «Die Bäume schweigen sich aus» – auf dem Blatt folgt die Fortsetzung unmittelbar. Im Vortrag erwartet man hier ein längeres Absetzen. Der Satz ist ja schon das Gedicht. Was folgt, ist seine Deutung und die ironische Pointe «Sie finden mich total überflüssig», die Überraschung des Lesers mit dem unerwarteten Ende. Und wenn der Autor fürchtet, es könnten die Zeilen am Ende doch zu viel Sentimentalität tragen, gesellt er dem Textchen ein banales Reimchen bei, mit dem er die unerwünschte Romantik erschlägt. So muss die Gänsehaut, die die die Sehnsucht nach der attraktiven Nachbarin erzeugt hat, gleich mit einer Trivialetüde «Oh Gänsehaut/Oh Gänsehaut/…/hast mir den Tag versaut…» wieder glatt gebügelt werden.

Die Themen sind vielfältig, in gebündelten Textsträußchen, unscharf von einander abgegrenzt präsentiert. Erotik, Alltag, die Sorge mit Famlie und ohne, Weltlage, Zukunftsängste, Fußball, Sport und Tod …man vermisst kaum einen beschreibbaren Aspekt. Und wenn auch der eine oder andere Beitrag entbehrlich erscheint, so ist er doch kurzweilig. Ein Gedichtband für LeserInnen, die pointenreiche Häppchen, teilweise mit Tiefgang, lieben.

René Oberholzer
Kein Grund zur Beunruhigung. Gedichte.

Hardcover, färbiger Pappeinband, Format 12,5 x 21,5 cm
248 Seiten, € 17,00 / CHF 18,00
© Driesch Verlag, Drösing 2015
ISBN 978-3-902787-34-7

Franz Blaha

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