Eine vollendete Unvollendete – und mehr!

20.05.2015 Rosemarie Schmitt

Seine Sinfonien sind Meilensteine. Er öffnete Tür und Tor in eine neue sinfonische Welt, färbte Klänge, schaffte Tiefen, läutete die Zukunft ein, die längst nicht von jedermann verstanden werden konnte. Es war Musik, von der viele noch nichts wissen wollten, wofür sie noch nicht reif waren. Auch ich, in jener Zukunft nun lebend, bin noch nicht sehr lange reif für Gustav Mahlers Sinfonien. Ich näherte mich ihnen nur sehr zaghaft, schienen sie mir doch allzu schwierig. Schwierig, weil ich diese Musik nicht verstand, weil ich niemanden fand, der sie mir näher zu bringen, zu erklären vermochte.


Mit der Aufnahme der Sinfonien Nr. 1 und 2 begann Paavo Järvi gemeinsam mit dem Frankfurter Radio Symphonie Orchester seinen Mahler-Gesamtzyklus beim NAXOS-Vertriebslabel C Major. Und nun ist der Zyklus vollständig! Järvis Mahler ist komplett und meine Leidenschaft zu dessen Musik entfacht. So natürlich, so frisch, so nah an Mahlers Wesen, habe ich diese Sinfonien nie zuvor empfunden. Es sei ein veritabler Geniestreich, sagt man, und ich weiß warum, denn ich habe es nicht nur gehört, sondern auch gesehen!

Diese Aufnahmen ließen mich eintauchen in Mahlers Welt. Ich sah, hörte und begann mich für den Menschen hinter dieser Musik zu interessieren. Ich las, er sei nach einer Aufführung der 4. Sinfonie plötzlich verschwunden, der Taktstock, mit dem der Komponist sein Orchester dirigierte. Gestohlen, nun ja, sagen wir erobert, hatte Mann ihn! Jener noch sehr junge Mann (er wird um die 20 gewesen sein) war der Alban Berg! Die Fünfte sei gar ein verfluchtes Werk. «Niemand capiert [sic] sie», behauptete Gustav Mahler gar selbst! Seine Sechste werde «Rätsel aufgeben, an die sich nur eine Generation heranwagen darf, die meine ersten fünf in sich aufgenommen und verdaut hat.»

Weitaus überzeugter war er von seiner 8. Sinfonie: «… es ist das Größte, was ich bis jetzt gemacht … Denken Sie sich, dass das Universum zu tönen und zu klingen beginnt. Es sind nicht mehr menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen, welche kreisen.» Während der Uraufführung dieser Sinfonie in München (1910) fuhren auf Geheiß des Komponisten, die Straßenbahnen «langsam und ohne Glockenzeichen» an der Konzerthalle vorbei. Dabei ist es nicht so, dass Mahler für Glockengeläute keinen Sinn gehabt hätte, denn in seiner 6. und auch in der 7. Sinfonie fanden Herdenglocken eine weitere Bestimmung. Für die Glocken einer Straßenbahn hatte er in seinen Kompositionen jedoch keine Verwendung.

Die 9. wurde erst ein Jahr nach Mahlers Tod uraufgeführt. Alban Berg sagte, der erste Satz dieser Sinfonie, sei das Allerherrlichste, was Mahler je geschrieben habe. «Es ist der Ausdruck einer unerhörten Liebe zu dieser Erde, die Sehnsucht im Frieden auf ihr zu leben, sie, die Natur noch auszugenießen, bis in ihre tiefsten Tiefen – bevor der Tod kommt. Denn er kommt unaufhaltsam ...» Auch Alban Berg starb, wie Gustav Mahler in seinem 51. Lebensjahr.

Seine letzte, die 10., blieb eine unvollendete Sinfonie. Hatte sie ein Kreuz zuviel, jene begonnene Sinfonie in Fis-Dur? Alma Mahler-Werfel verlor ihren Ehemann, ihre Unentschlossenheit und zuweilene Sprunghaftigkeit hingegen nicht. So gab sie mal die Rechte zur Vervollständigung frei, mal ließ sie diese wieder sperren. Arnold Schönberg schrieb im Jahre 1913: «Es scheint, die Neunte ist eine Grenze. Wer darüber hinaus will, muss fort. Es sieht so aus, als ob uns in der Zehnten etwas gesagt werden könnte, was wir noch nicht wissen sollen, wofür wir noch nicht reif sind.» (Quelle: Harald Assel, Wer schrieb Beethovens Zehnte?, Eichborn Berlin)

Keine Grenze stellt für mich nunmehr Mahlers Musik dar. Das zeigt und hört sich erneut mit der letzten Aufnahme des Zyklus, der die Sinfonie Nr. 9 und das Adagio aus der unvollendet gebliebenen 10. beeinhaltet. Vollendeter habe ich jene Unvollendete, wie auch die neun übrigen Sinfonien Mahlers nie gehört!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

  • Paavo Järvi; © Ixi Chen

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