Shakespeare und das Kino

18.05.2015 Walter Gasperi

Laut Wikipedia sind inzwischen über 420 Filme nach den Stücken von William Shakespeare entstanden. – Laurence Olivier, Orson Welles, Akira Kurosawa und Kenneth Branagh sind nur die Spitzen der Regisseure, die (mehrfach) auf Vorlagen des großen britischen Dramatikers zurückgriffen. Das Filmpodium Zürich zeigt anlässlich der Festspiele Zürich eine Auswahl an Shakespeare-Filmen.


Der erste Film nach Shakespeare wird auf das Jahr 1899 datiert und zeigt die Todesszene aus «King John». Am häufigsten wurde – wie nicht anders zu erwarten – in den letzten 115 Jahren «Hamlet» fürs Kino adaptiert. Der Bogen spannt sich hier vom deutschen Stummfilm aus dem Jahr 1921, in dem mit Asta Nielsen eine Frau den Prinzen von Dänemark spielte, über Laurence Oliviers legendäre Verfilmung von 1948 und eine russische Adaption bis zu Kenneth Branaghs vierstündiger Version (1996). Neben den klassischen Verfilmungen gibt es aber auch Modernisierungen des Stoffes wie Helmut Käutners «Der Rest ist Schweigen» (1959?)), Akira Kurosawas «Die Bösen schlafen gut» (1960) oder Aki Kaurismäkis «Hamlet macht Geschäfte» (1960).

75 Filmversionen von Hamlet soll es laut Wikipedia geben. Damit kann auch nicht «Romeo und Julia» mithalten, das mit 50 Verfilmungen an zweiter Stelle steht. George Cukor versuchte sich 1936 an dieser Tragödie, Franco Zeffirelli gelang 1968 mit seiner farbenprächtigen und kraftvollen Adaption eine klassische Verfilmung dieses Stücks, während Baz Luhrmann 1996 in «Willam Shakespeare´s Romeo + Juliet» die Story von Verona ins kalifornische Venice Beach von heute verlegte, die Protagonisten aber vor dem Hintergrund von Kämpfen zweier Jugendgangs die originalen Verse sprechen ließ.

Bei «Romeo and Juliet Get Married» (2005) des Brasilianers Bruno Barreto bekämpfen sich wiederum statt zweier verfeindeter Familien die Fans von rivalisierenden Fußballclubs in Sao Paolo, während sich bei «Ram und Leela» (2013) des Inders Sanjay Leela Bhansali die Mitglieder zweier sich bekämpfender Clans verlieben.

Ein Ableger dieser berühmtesten Liebesgeschichte der Welt ist aber auch Leonard Bernsteins Musical «West Side Story», das 1961 von Robert Wise eine legendäre Verfilmung erhielt. John Madden spekuliert dagegen in seinem wie «West Side Story» mit mehreren Oscars ausgezeichneten «Shakespeare in Love» (1996) ausgehend von Schakespeares Leben über die Entstehung dieser Tragödie und spiegelt ihren Inhalt im Leben des Dichters.

Der Japaner Akira Kurosawa orientierte sich vor allem an den Königsdramen, die er ins japanische Mittelalter verlegte und auf die dortigen gesellschaftlichen Verhältnisse anpasste. So adaptierte er mit «Das Schloss im Spinnwebwald» (1957) «Macbeth» und mit «Ran» (1985) «King Lear», wobei bei diesem an die Stelle der undankbaren Töchter Söhne traten.

Orson Welles dagegen war schon immer ein Spieler mit einer Lust am Schalk und an übergroßen Figuren. «Macbeth» (1948) und «Othello» (1952) wurden ihm ganz zu Welles-Filmen und in «Chimes at Midnight» (1965) kompilierte er mehrere Königsdramen zu einem eigenen Film um den Narren Falstaff.

Wie Laurence Olivier in den 1940er und 1950er Jahre mit «Henry V.» (1944), «Hamlet» (1948) und «Richard III.» (1955) Maßstäbe für Shakespeare-Verfilmungen setzte, so prägte in den 1990er Jahren Kenneth Branagh vor allem mit «Henry V.» (1989), «Much Ado about Nothing» (1993) und «Hamlet» (1996) den filmischen Umgang mit den Werken des großen Barden.

Wie geschrieben fürs Kino sind Shakespeares Stücke geradezu mit ihrem Handlungs- und Einfallsreichtum. Die großen Schlachten seiner Königsdramen, die man sich auf der Theaterbühne vorstellen muss, kann man im Film inszenieren und aus «Der Sturm» machten Derek Jarman («The Tempest», 1979) und Peter Greenaway («Prospero´s Books», 1991) bildgewaltige Fantasien.

Problemlos lassen sich – wie bei Romeo und Julia schon gezeigt - die Stücke Shakespeares auch aktualisieren, in andere kulturelle Kontexte verlegen, variieren oder gar auf den Kopf stellen. So verlegte Jane Smiley in ihrem Roman «A Thousand Acres – 1000 Morgen», den Jocelyn Moorehouse 1997 mit Jessica Lange, Michelle Pfeiffer, Jennifer Jason-Leigh und Jason Robards verfilmte die Handlung von «King Lear» nicht nur auf eine amerikanische Farm im Mittelwesten, sondern machte auch nicht die Töchter, sondern den Patriarchen zur negativen Figur.

Fred M. Wilcox wiederum verlegte in «Forbidden Planet – Alarm im Weltall» (1956) «Der Sturm» in den Weltraum, Ralph Fiennes die Tragödie «Coriolanus» (2011) in seiner ersten Regiearbeit vom antiken Rom ins 21. Jahrhundert. Michael Almereyda schließlich folgte in seinem «Hamlet» (2000) zwar wörtlich der Vorlage, verlegte sie aber ins New York der Gegenwart, machte aus dem dänischen Prinzen einen Filmstudenten, und dessen Vater zum CEO des Unternehmens Denmark Corporation. Den gleichen Weg ging Almereyda 2014, als er bei «Cymbeline» aus dem britischen König den Anführer einer Motorradbande machte, der statt mit dem Römischen Reich mit einer korrupten Polizei in Konflikt gerät.

Zahllos sind schließlich die Filme, die abseits von direkten Verfilmungen Elemente aus Shakespeare-Stücken verwenden. Hier spannt sich der Bogen von Gus Van Sants «My Private Idaho» (1991), der von Shakespeares «Henry IV.» beeinflusst ist, bis zu Actionfilmen wie Andrzej Bartkowiaks «Romeo Must Die» (2000) oder Jonathan Levines Zombie-Komödie «Warm Bodies» (2013). – Ein Ende der Rezeption ist nicht abzusehen und anzunehmen ist, dass sich auch kommende Generationen Werke des großen Dramatikers, dessen 450. Geburtstag 2014 gefeiert wurde, verfilmen oder sich von ihnen zumindest inspirieren lassen werden.

Trailer zu Baz Luhrmanns «William Shakespeare´s Romeo + Juliet»

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  • William Shakespeare (1564 - 1616)
  • Hamlet (Laurence Olivier, 1948)
  • Hamlet (Kenneth Branagh, 1996)
  • Hamlet (Michael Almereyda, 2000)
  • William Shakespeares Romeo and Juliet (Baz Luhrmann, 1996)
  • Romeo and Julia Get Married (Bruno Barreto, 2005)
  • Ran (Akira Kurosawa, 1985)
  • Chimes at Midnight (Orson Welles, 1965)
  • Coriolanus (Ralph Fiennes, 2011)
  • Romeo Must Die (Andrzej Bartkowiak, 2000)
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