Berechtigte, aber nutzlose Schuldzuweisungen

27.04.2015 Kurt Bracharz

Im deutschen Sprachraum sind Henryk M. Broder und Christian Ortner zwei Journalisten und Kolumnisten, deren Kommentare zumindest hin und wieder einmal für kurze Zeit den Kopf für einen schnellen Blick aus dem uferlosen Meinungsbrei des medialen Mainstreams herausstrecken.


Broder spottete in seiner Kolumne in der Schweizer «Weltwoche» über die Deutschen, wenn man bei ihnen derzeit punkten wolle, müsse man nur «Wir sind schuld!» sagen. Schuld an allem, derzeit aber besonders an den Flüchtlingsströmen aus Afrika. Christian Ortner klotzte gleich im Titel seiner Kolumne in der österreichischen Tageszeitung «Die Presse»: «Warum schaut Afrika weg, wenn Afrikaner im Mittelmeer ersaufen?»

Ortner beantwortet die selbstgestellte Frage nicht mit der naheliegenden Antwort, dass Afrikaner derzeit nahezu kontinentweit mit Pogromen beschäftigt sind (man verwendet dieses Wort nicht, wenn etwa in Südafrika Zulus gegen Nigerianer hetzen, ebenso wenig das Wort «Rassismus», das für die Weißen reserviert bleiben soll).

Ortner spricht das Offensichtliche aus: «Dass Millionen Afrikaner nach Europa drängen, ist entgegen einer leicht selbstquälerischen Überzeugung vieler Europäer nicht Schuld Europas, sondern einem Versagen Afrikas und weiter Teile seiner Regierungen geschuldet.» Und: «Wenn aber derzeit in Afrika weder Regierungen noch Medien das Massensterben im Mittelmeer auch nur zur Kenntnis nehmen, dann laden sie Schuld auf sich – und nicht die Europäer.»

Broders Zeigefinger weist noch woanders hin: «Was ist aus den vielen Milliarden Euro, Dollar und Schweizer Franken geworden, die »wir« nach Afrika gepumpt haben? Und man muss sehr lange warten, bis jemand mal die Frage stellt, warum die reichen arabischen Staaten nicht intervenieren, die Flüchtlinge aufnehmen und für Ordnung vor der eigenen Tür sorgen. Sie haben genug Platz, viel Geld, allein, es fehlt der Wille.

Nun, die Araber müssen Fußballweltmeisterschaften ausrichten, Luxushotels bauen und teure Waffensysteme kaufen (und einige Superreiche müssen auch noch den IS unterstützen), und außerdem haben die Araber mit arabischen Flüchtlingen noch niemals politische Solidarität gezeigt – die Palästinenser könnten ein Lied davon singen, wenn sie nicht anderes zu tun hätten, zum Beispiel die durch das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge vermittelten internationalen Spendengelder für den Wiederaufbau im Gaza-Streifen von der Hamas einzufordern, die sie nur an die eigenen Leute verteilt.»

Diese Schuldzuweisungen sind berechtigt, allerdings nützen sie den afrikanischen Boatpeople nichts. Es handelt sich bei der Massenflucht aus Afrika möglicherweise um ein Problem, für das es keine humane Lösung gibt. Es wird wieder Zeit, Hobbes zu lesen.


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