Gegen das Gebrüll des Lebens

22.04.2015 Rosemarie Schmitt

«Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt». Dies ist ein Zitat des Schriftstellers Pascal Mercier aus seinem Roman «Nachtzug nach Lissabon». Ebenso geht es mir mit der Musik von Johann Sebastian Bach. Ich möchte nicht ohne seine Kompositionen leben. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt und gegen das Gebrüll des Lebens, gegen die Lächerlichkeit des schnöden Alltags.


Nicht, daß ich ein streng gläubiger Mensch wäre. Die zutage getretenen Ereignisse lassen auch mich am katholischen Glauben stärker zweifeln denn je. Jedoch hat Bachs Musik, haben Bachs Messen für mich einen gänzlich anderen Bezug. Wie Unrecht geschähe es dem wunderbaren Komponisten, würde man seine sakralen Werke boykottieren, aufgrund der Schlagzeilen. Es sei «das größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker» meldete die Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung im Jahre 1818: die h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach.

Es ist die kürzlich veröffentlichte Live-Aufnahme dieser Messe aus der Dresdner Frauenkirche, der mein Interesse heute gilt. Er selbst konzertierte dort im Jahre 1736 an der damals neu eingeweihten Orgel. Bach wurde zu jener Zeit der Titel des «Hof-Compositeurs» verliehen, um den er sich einige Jahre zuvor am Dresdner Hof beworben hatte. Und dies tat er mit einer ersten, damals noch kürzeren Fassung der h-Moll-Messe.

Wenn es auch mit der katholischen Kirche den Bach runter zu gehen scheint, so bin ich der Überzeugung, daß der Zauber und die Ruhe der geistlichen Musik ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat. Sie glauben mir etwa nicht? Dann möchte ich Sie einladen, vielleicht sogar mit dem «Nachtzug nach Lissabon», auf eine Reise in die Stille der Musik. Die jüngeren Leser werden der Aufforderung «eine Runde zu chillen» vielleicht eher folgen. Sei es drum, gemeint ist das Gleiche.

Wissen Sie, wo Johann Sebastian Bach zwischen seinem 10. Und 15. Lebensjahr lebte? In Ohrdruf! Doch, Hand druff! Da dessen Stiefmutter nach dem Tod des Vaters nicht imstande war alleine für die Kinder zu sorgen, lebte Johann Sebastian bei seinem ältesten Bruder in Ohrdruf. Nett, nicht?

So, und nun zurück zum Wesentlichen und genug gelesen. Denn wollten Sie sich nicht ein gemütliches Plätzchen suchen? Es muss ja nicht im Nachtzug nach Lissabon sein, obwohl sehr empfehlenswert, um die h-Moll-Messe mit dem «ensemble frauenkirche» und dem Kammerchor der Frauenkirche unter der Leitung von Matthias Grünert zu geniessen (2CD/Berlin Classics/EDEL)! Für diese Einspielung jener «hohen Messe» gibt es von mir einen herzlichen ClassiCuß! Und für Sie, verehrter Herr Bach, gibt es zwei. Ach, was sag ich? Hundert!

...ich möchte nicht ohne seine Kompositionen leben. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt und gegen das Gebrüll des Lebens, gegen die Lächerlichkeit des schnöden Alltags. Ich wünsche Ihnen wunderbare All-Tage!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

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