Gigant des Kinos: Zum 100. Geburtstag von Orson Welles

04.05.2015 Walter Gasperi

Mit seinem Regiedebüt «Citizen Kane» schrieb Orson Welles 1941 im Alter von 26 Jahren Filmgeschichte, doch seine Karriere ist auch von zahlreichen Niederlagen und unvollendeten Filmen gekennzeichnet. Am 6. Mai wäre das Wunderkind 100 Jahre alt geworden, am 10. Oktober jährt sich sein Todestag zum 30. Mal.


Die Experimentierfreude und der Wunsch in verschiedensten Medien zu arbeiten, kennzeichnete schon die Jugend von Orson Welles. Mit zwölf Jahren inszenierte und spielte er bereits für das Theater seiner Schule, mit 16 nahm er sein erstes professionelles Engagement am Gate Theatre in Dublin an und mit 17 publizierte er seine ersten Novellen und schrieb sein erstes Theaterstück.

20jährig begann er 1935 für den Rundfunk zu arbeiten und löste 1938 mit seiner Bearbeitung von H. G. Wells´ «The War of the Worlds» als Hörspiel die größte Massenpanik der Mediengeschichte aus. Welles´ Schilderung und Inszenierung der fiktiven Landung von Marsmenschen war so überzeugend, dass die Zuhörer sie für Realität hielten und in Panik New York verließen.

Dem «Wunderkind» öffnete dieses Hörspiel aber Tür und Tor in Hollywood. Als 24jähriger erhielt er, obwohl er kaum über praktische Filmerfahrung verfügte, von RKO eine carte blanche, völlige Handlungsfreiheit für jährlich einen Film. Und Welles nutzte die Chance, revolutionierte mit «Citizen Kane» (1941) die Filmsprache.

Das lineare Erzählen ersetzte Welles durch multiperspektivisches und statt Szenen in viele Einstellungen zu zerlegen arbeitete er mit Plansequenzen, bei denen Vorder-, Mittel- und Hintergrund gleich scharf waren und die den Zuschauer somit zwangen, sich selbst im Bild zurechtzufinden.

Von den Medien des Zeitungsmagnaten Randolph Hearst, an dessen Person sich die Figur des Kane orientierte, totgeschwiegen oder bekämpft, wurde dieses bahnbrechende Debüt ein finanzieller Misserfolg und setzte auch der künstlerischen Freiheit von Welles ein abruptes Ende. Geprägt hat Welles freilich mit diesem Wendepunkt der Filmgeschichte das Kino bis heute und nicht nur Oliver Stones «Alexander» (2004) als auch Martin Scorseses «The Aviator» (2004) wären ohne das Vorbild «Citizen Kane» andere Filme geworden.

Mit «The Magnificent Ambersons» (1942) wollte Welles ein großes Gesellschaftsdrama entwerfen, doch die 131minütige Originalfassung wurde von Robert Wise im Auftrag des Studios auf 87 Minuten gekürzt. Nach dem Thriller «The Stranger» (1946) und dem Film noir «The Lady from Shanghai» (1947) kehrte dieser Gigant des Kinos Hollywood den Rücken und arbeitete fortan in Europa.

Um seine eigenen Projekte zu finanzieren übernahm er Rollen als Schauspieler in den Filmen anderer Regisseure. Nur zehn Minuten dauert sein Auftritt als Harry Lime in Carol Reeds «The Third Man» (1948) und dennoch hat Welles diesem im zerbombten Nachkriegs-Wien spielenden Krimi mehr als die Hauptdarsteller seinen Stempel aufgedrückt.

Shakespeare-Projekte ziehen sich durch sein ganzes Leben. «Macbeth» (1947) und «Othello» (1952) hat er mit minimalen Budgets verfilmt, für «Chimes at Midnight / Falstaff» (1966) hat er mehrere Königsdramen kompiliert, sein «King Lear» wurde fürs Fernsehen aufgezeichnet (1953).

Sein Leben lang beschäftigte er sich mit «The Merchant of Venice» und dieses Drama immer wieder in verschiedenen Medien bearbeitet: als Schallplattenaufnahme nach der von ihm 1934 bearbeiteten und mit Zeichnungen versehenen Buchausgabe «Everybody´s Shakespeare», als Rezitation in einer amerikanischen Fernsehshow von 1967, als in Venedig und im kroatischen Trogir aufgenommener Kostümfilm aus dem Jahr 1969, von dem nur noch ein neunminütiges Fragment erhalten ist, und als Monolog in den 70er-Jahren.

Wie die Shakespeare-Figuren zeichnete auch Welles selbst Übergröße aus und Shakespeare-Figuren sind auch die von ihm selbst entworfenen Charaktere von Kane über Mr. Arkadin in «Confidential Report» (1955) bis zum korrupten Polizeichef Hank Quinlan im Film noir «Touch of Evil» (1958).

Und gleichzeitig gibt es in allen seinen Filmen die Lust am Spiel und am Experimentieren. Der Schneidetisch war für Welles das Zentrum der Filmgestaltung, hier konnte er sich austoben, hier erst gab er seinen Filmen ihre Gestalt. Nirgends sieht man das schöner als in seinem hinreißend verspielten Essayfilm «F for Fake» (1973), in dem er lustvoll auch seine Rolle als Filmregisseur und Fälscher - «maverick» nannte sich Welles selbst – reflektierte.

«F for Fake» blieb sein letzter Film, legendenumrankt sind seine unvollendeten Werke. 30 Jahre arbeitete Welles mit verschiedenen Konzepten an einer Verfilmung von «Don Quixote», 1967 bis 1969 drehte er an der dalmatinischen Küste «The Deep», doch der Film liegt nur im Rohschnitt vor und die Synchronisierungsarbeiten für die Tonmischung wurden nie abgeschlossen.

Von 1970 bis 1976 arbeitete Welles schließlich an «The Other Side of the Wind», mit dem er einen weiteren Meilenstein in der Filmgeschichte setzen wollte. Technisch innovativ sollte in einer äußerst komplexen Erzählstruktur mit Rückblenden und Parallelhandlungen der letzte Tag im Leben eines von John Huston gespielten Hollywood-Regisseurs erzählt werden. Die von Welles selbst geschnittenen rund 50 Minuten gelten als atemberaubend und der Film ist abgedreht, doch aufgrund juristischer Streitigkeiten kann er bis heute nicht fertig gestellt werden.

Derzeit läuft im Österreichischen Filmmuseum untem dem Titel «On Dangerous Ground» eine Filmreihe mit Werken der drei aus Wisconsin stammenden Regisseure Orson Welles, Joseph Losey und Nicholas Ray.

Eröffnungsszene von «Citizen Kane»

Österreichisches Filmmuseum
Augustinerstrasse 1
A-1010 Wien
T: 0043 (0)1 533 7054
F: 0043 (0)1 533 7054-25
E: office@filmmuseum.at
W: http://www.filmmuseum.at
  • Orson Welles (6.5. 1915 - 10.10. 1985)
  • Citizen Kane (1941)
  • The Magnificent Ambersons (1942)
  • The Lady from Shanghai (1947)
  • Othello (1952)
  • Touch of Evil (1958)
  • Chimes at Midnight - Falstaff (1965)
Österreichisches Filmmuseum
Augustinerstrasse 1
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