Institutionen im Fokus: Der Dokumentarfilmer Frederick Wiseman

06.04.2015 Walter Gasperi

Ein Gefängnis für psychisch kranke Straftäter, eine Highschool, den Pariser Nachtclub Crazy Horse, das Ballett der Pariser Oper, die Londoner National Gallery – das sind nur einige Institutionen, die der 1930 in Cambridge, Massachusetts geborene Frederick Wiseman in den letzten 50 Jahren mit der Kamera durchleuchtet hat – ohne Off-Kommentar und ohne Musik. Das Filmpodium Zürich widmet dem Meister des Direct Cinema eine Retrospektive.


Als Filmregisseur begann Frederick Wiseman erst im Alter von 37 Jahren. Davor hatte er ein Jus-Studium absolviert, in Paris als Anwalt und ab 1959 als Professor für Recht und Medizin an der Boston University gearbeitet. Nachdem er schon 1963 als Produzent bei der semidokumentarischen Milieustudie «The Cool World» (Regie: Shirley Clarke) fungiert hatte, erhielt er Mitte der 1960er Jahre die Erlaubnis im Bridgewater-Krankenhaus in Massachusetts, in dem psychisch kranke Straftäter gefangen gehalten werden, zu drehen. Nach der indianischen Bezeichnung der Gegend, in dem das Krankenhaus steht, erhielt der Film den Titel «Titicut Follies» (1967).

Schon hier arbeitete Wiseman mit den Mitteln des Direct Cinema, das sich seit Anfang der 1960er auch aufgrund der veränderten Technik entwickelt und den Dokumentarfilm revolutioniert hatte. Mit leichten, tragbaren 16mm Kameras in Verbindung mit neuen kabellosen Synchronton-Aufnahmegeräten und lichtempfindlicherem Filmmaterial für Innen- und Außenaufnahmen konnte man nun mit zuvor nicht gekannter Unmittelbarkeit die Wirklichkeit einfangen.

Auf auktorialen Voice-over Kommentar verzichtete man, ließ Bild und Ton für sich sprechen. Die Rolle des Regisseurs ist die eines Beobachters, der ohne vorgefasste Meinung und Drehplan an sein Projekt geht und die Personen in ungestellten, authentischen Situationen zeigt.

Der Filmemacher erscheint als Entdecker, stellt keine Fragen, gibt keine Anweisungen und vermeidet während der Aufnahme jede Kommunikation mit den gefilmten Personen. Das Filmteam wird möglichst klein gehalten, auf zusätzliches Licht, Stativ und untermalende Musik wird verzichtet.

Wiseman hielt sich nicht nur in «Titicut Follies», in dem er die Haftbedingungen schilderte und Anklage gegen das unmenschliche Leben in dieser Anstalt erhob, an diese Arbeitsweise, sondern auch in seinen folgenden rund 40 Dokumentarfilmen.

Nicht Einzelpersonen stellt er dabei immer wieder in den Mittelpunkt, sondern durchleuchtet vielmehr Institutionen vom Schulwesen in «High School» (1968) und dem Militär in «Basic Training» («Grundausbildung», 1971) über ein Forschungszentrum, das Primaten wissenschaftlichen Experimenten unterwirft, in «Primate» («Herrentiere», 1974) und die Intensivstation des Bostoner Beth Memorial Krankenhauses in «Near Death» (1989) bis zur Arbeit der Legislative des US-Bundesstaats Idaho in «State Legislature» (2007) und der Londoner National Gallery in «National Gallery» (2014).

Auf umfangreiche Recherchen im Vorfeld verzichtet Wiseman dabei, denn er sieht das Drehen selbst als Recherche an. Im genauen Blick auf unterschiedlichste Aspekte, der freilich auch zu einer Überlänge seiner Filme führt, und der präzisen Montage deckt er messerscharf auf, wie Menschen von der staatlichen Autorität behandelt und geformt werden.

Mit seiner Methode, zu der auch jeweils die Konzentration auf einen Ort und eine Institution gehört, schafft er es aber auch das Interesse des Zuschauers selbst bei Themen, die spröde klingen oder zu denen man nicht von vornherein großen Bezug hat, zu wecken und hochzuhalten. Durch den Verzicht auf einen Off-Kommentar will er die Trennung zwischen dem Zuschauer und den Ereignissen im Film aufheben.

Phänomenal ist es, wie so eine nüchterne Beobachtung des Betriebs um das Ballett der Pariser Oper («La danse – Le ballet de l´Opéra de Paris», 2009), einen Sog und große Spannung entwickelt, wie er den langwierigen Prozess der politischen Entscheidungsfindung in «State Legislature» als packenden Krimi inszeniert oder in «National Gallery» mit seinem Blick auf Kunstwerke und deren Vermittlung auch beim Zuschauer Lust auf Kunst weckt.

Dass freilich auch im Direct Cinema mit manipulativen Techniken gearbeitet wird und nur scheinbar objektiv das Leben eingefangen wird, bestreitet Wiseman selbst keineswegs und erklärte 1999 offen im Kompilationsfilm «Cinéma Vérité: Defining the Moment»: «Natürlich haben wir die Wirklichkeit verzerrt, alles andere ist Unfug.»

Auch im Direct Cinema wird nämlich selbstverständlich durch Auswahl und Anordnung der Szenen sowie durch den Schnitt, mit dem Wiseman seinen Filmen eine dramatische Struktur und den passenden Rhythmus geben will, die Wirklichkeit gestaltet. Andererseits lässt er dem Zuschauer immer auch mit langen und meist distanzierten Einstellungen Raum, um sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Entstanden ist so durch das konsequente Festhalten an einer Methode und den Blick auf unterschiedlichste Institutionen ein einzigartiges Werk, das immer wieder das Verhältnis zwischen Mensch und staatlichen Einrichtungen, aber auch Prozesse der Kunstproduktion und ihrer Vermittlung auf faszinierende Weise reflektiert.

Interview mit Frederick Wiseman über seine Arbeit (10 min., englisch)

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  • Frederick Wiseman (geb. 1930)
  • Titicut Follies (1967) © 1967 Bridgewater Film Company
  • Basic Training (1971)
  • Near Death (1989)
  • State Legislature (2007)
  • La Danse: Das Ballet der Pariser Oper (2009)
  • Boxing Gym (2010)
  • Crazy Horse (2011)
  • National Gallery (2014) © Filmladen Filmverleih
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