Wird jeden Freitag geköpft?

02.02.2015 Kurt Bracharz

Als neulich durch die Presse ging, dass Claudia Bandion-Ortner nach Beendigung ihres Dienstverhältnisses mit dem KAICIID, dem König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog, wahrscheinlich noch im Frühjahr 2015 ihren Dienst als Richterin am Landesgericht für Strafsachen in Wien antreten wird, brach ein Shitstorm im Wasserglas los: Ob die Richterin in Österreich Scharia-Urteile fällen werde, war eine der harmloseren Formulierungen des öffentlichen Unwillens.


Der Grund war klar, vor allem eine ihrer Aussagen in einem «Profil»-Interview über ihre Tätigkeit im KAICIID und ihre Ansichten über die Verhältnisse in Saudiarabien war mehrfach zur Schlagzeile und Überschrift von Zeitungsartikeln geworden: «Nicht jeden Freitag wird geköpft.» Dieser Sager könnte sogar zu einem Disziplinarverfahren führen, wenn das OLG Graz am 26. Februar so entscheidet.

Als ein beliebiges Beispiel dafür, wie Bandion-Ortners Aussagen in den Medien wiedergegeben wurden, sei «DerStandard.at» vom 18.1.2015 zitiert: «Auf den Vorhalt, dass im Jahr 2014 in Saudi-Arabien bereits 60 Menschen hingerichtet worden sind, dass an Freitagen nach dem Gebet öffentlich geköpft und ausgepeitscht werde, sagt Bandion-Ortner: »Das ist nicht jeden Freitag« und sie sei natürlich gegen die Todesstrafe.»

So oder so ähnlich berichteten alle; aber es gab auch schon gleich Leserbriefe, die behaupteten, das Interview sei hinsichtlich dieser Aussage manipuliert worden. Bandion-Ortner habe zwar tatsächlich «Das ist nicht jeden Freitag» gesagt, aber nicht als Antwort auf eine Frage, ob «an Freitagen» geköpft werde, sondern als Richtigstellung der Behauptung der Interviewerin, «jeden Freitag» werde geköpft.

Im Internet kann man sich unter http://www.profil.at/oesterreich/interview-claudia-bandion-ortner-alltag-saudi-arabien-nicht-freitag-378239> ein Audiofile der entsprechenden Stelle aus dem Gespräch anhören, und siehe da: die Interviewerin sagte tatsächlich «jeden Freitag» und nicht «an Freitagen».

Die Sprachverluderung in den Medien und bei deren Konsumenten ist möglicherweise mittlerweile so weit fortgeschritten, dass nicht mehr alle den Unterschied in der Bedeutung der Antwort erkennen. Als Antwort auf eine Frage mit der Formulierung «an Freitagen» hätte «Nicht jeden Freitag!» bedeutet, dass die Hinrichtungen nicht so schlimm seien, wenn sie eh nicht wöchentlich stattfänden. Aber auf «jeden Freitag» ist «Nicht jeden Freitag, das ist ein Blödsinn!» nur die Korrektur einer Falschaussage ohne (a)moralische Wertung. Und die Veränderung in der Druckfassung eine Manipulation, deren Fehlinterpretation Bandion-Ortner nun ein Leben lang nachschleichen wird.

Mir geht es hier nicht um die Person dieser Juristin, zu der es manches zu sagen gäbe, sondern um einen Fall, in dem auch die sogenannten Qualitätszeitschriften wieder einmal jemandem ein Etikett aufgeklebt haben, das er nie mehr los werden wird.


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