Unklarheiten durch Handelsnamen

26.01.2015 Kurt Bracharz

In Australien schreibt der Australian Fish Names Standard seit 2008 für jede der dort rund 4500 im Handel angebotenen Arten von Meerestieren einen Standardnamen vor, damit die Kunden nicht durch die vielen Regionalbezeichnungen verwirrt oder getäuscht werden. In der EU sollten bei Fischereierzeugnissen seit dem 31.12.2014 neben dem Handelsnamen die wissenschaftlichen Bezeichnungen angegeben sein. Das kann in manchen Fällen zu Überraschungen führen.


Vor einigen Jahren wurden die Jakobsmuscheln billiger. Es lag daran, dass es keine Jakobsmuscheln (Pecten jacobaeus) mehr waren, sondern eine verwandte Art, die Tiefsee-Kammmuschel Placopecten magellanicus. Auf der Vorderseite einer Verpackung steht weiterhin groß «Noix de Saint Jacques», darunter «Tiefseescallops», und auf der Seite «Mantelschelpen». Im Kleingedruckten findet man den wissenschaftlichen Namen. Diese ohne Rogen verkauften Atlantischen Tiefsee-Scallops schmecken nicht ganz so delikat wie die echten Jakobsmuscheln. In manchen Ländern ist es verboten, anderen Rogen als den von Stören als «Kaviar» anzubieten (eine Ausnahme ist die Bezeichnung «Deutscher Kaviar» für Seehasenrogen). In Österreich ist das nicht so, da gibt es «Forellenkaviar» und «Saiblingskaviar», ja sogar «Schneckenkaviar».

Zurück zum Stör: Der Zuchtkaviar stammt jetzt hauptsächlich vom Acipenser gueldenstaedti, das ist der Osetr-Stör, Osietra, Russische Stör oder Waxdick, in mehreren Sprachen auch «Donau-Stör» (engl. Danube Sturgeon, span. Esturión del Danubio, it. storione danubiano) genannt. Der Acipenser transmontanus ist der Weiße Stör oder Sacramento-Stör, der Acipenser baerii der Sibirische Stör, dessen Kaviar auch als «Sibirskaja» gehandelt wird, um eine formale Namensähnlichkeit mit Beluga (vom Hausen, Huso huso), Sevruga (Sternhausen, Acipenser stellatus) und Osietra (sowohl Waxdick als auch Persischer Stör, Acipenser persicus) herzustellen.

Weniger exakt funktioniert die Identifizierung bei Tintenfischkonserven, vor allem bei jenen Dosen, auf denen nach wie vor nur «Tintenfisch» steht; die darin enthaltenen Stücke der Tentakel stammen meistens vom Gemeinen Kalmar (Loligo vulgaris), es kann aber auch der Gemeine Oktopus (Octopus vulgaris) sein. Eine Wiener Firma bietet als «Calamare» einerseits in Italien ins Glas gefüllte Stücke vom im Südostpazifik gefangenen Indian Squid (kein deutscher Name, wissenschaftlich Loligo duvauceli) an, andererseits aber auch im Westindischen Ozean gefangene und in Spanien eingedoste vom Riesenkalmar (Dosidicus gigas) an. Diese Art Riesenkalmar sollte nicht mit dem gleich benannten Riesenkalmar der Tiefsee (Familie Architeuthidae), auch fälschlich «Riesenkrake» genannt, verwechselt werden, der bis zu 17 Meter lang werden kann.

Die Schweizer «Migros» bietet eine Dose der Eigenmarke «Tintenfisch» an, auf der sowohl «hergestellt in Spanien mit Riesenkalmar aus dem Pazifik» steht als auch «Polpo», was aber das italienische Wort für den achtarmigen Oktopus ist, zwar auch ein Tintenfisch, aber ein ganz anderer. Während sich beim Angebot von Frischware Kalmare und Sepie (Sepia officinalis) die Waage halten, scheinen Sepie nicht eingedost zu werden, man bekommt aber Halbkonserven. Geschmacklich gibt es übrigens bei den verschiedenen Tintenfischkonserven keine merklichen Unterschiede. Die venezianischen Folpetti oder Moscardini, die man nur auf dem Markt – also nicht als Konserve – kaufen kann, sind Zirren- oder Moschuskraken (Eledone cirrhosa).

Bei den Krebstieren hat man kaum Probleme mit der Bestimmung, weil nur wenige Arten in den Handel gelangen. Die Sandgarnele (Crangon crangon) wird traditionell falsch als «Nordseekrabbe» bezeichnet, was aber kein Argument dafür ist, chinesische Flußkrebse als «Louisiana-Flußkrebse» zu verkaufen. Die mittlerweile auch in Mitteleuropa in Restaurants angebotenen Softshell Crabs sind tiefgefroren importierte Blaukrabben (Callinectes sapidus). Beim Hummer wäre der schmackhaftere Europäische (Homarus gammarus) vom Amerikanischen Hummer (Homarus americanus) zu unterscheiden.

Die kleinen «Grönland- oder Eismeershrips» sind Tiefseegarnelen (Pandalus borealis), die großen Tiger Prawns (Penaeus esculentus) sind Zoologen unter dem Namen Schiffskielgarnelen geläufig. Als King Prawns werden mehrere Arten von Geißelgarnelen (Penaeidae) verkauft, am häufigsten Penaeus vannamei, der Central American Shrimp, der keinen deutschen Namen hat. Auf einer Schachtel in den Niederlanden hergestellter «Party-Garnelen» (Litopennaeus vannamei) «aus zertifizierter, nachhaltiger Aufzucht» wird hinsichtlich Herkunft auf ein «Zusatzetikett» im Inneren der geschlossenen Packung verwiesen.

Noch ein Wort zu den Vongole: Vongola verace ist die Kreuzmuster-Teppichmuschel (Venerupis decussata), Vongola filippin die 1983 in Europa zur Zucht eingeführte und mittlerweile weit häufiger angebotene Japanische Teppichmuschel (Venerupis philippinarum).


-

  •  

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.