Die harmonische Eingebung eines ehemaligen Türstehers und Exorzisten

21.01.2015 Rosemarie Schmitt

Sie waren arm, sehr arm. Viele hatten nicht einmal einen Namen. Es waren die namenlosen Mädchen des Ospedale della Pietà in Venedig. Sie hatten keine Eltern mehr, waren außerehelich geboren worden, nicht erwünscht, oder alles zusammen. Oft wusste man nur um ihre Vornamen und um ihre Begabungen. Und so nannte er sie beispielsweise «Lucieta de la viola» oder «Cattarina del cornetto». Das Ospedale della Pietà war ein Waisenhaus und gehörte später gar zu einer der vier großen Musikschulen Venedigs. Es wurde 1346 gegründet und diente zunächst als Waisenhaus und Hospiz für ledige Mütter mit Säuglingen.


Noch heute befinden sich in der Pietà ein Frauenhaus und Einrichtungen für die Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern, hilfsbedürftigen minderjährigen Schwangeren und Müttern mit Kleinkindern. Es gibt dort eine Culla Segreta (eine Babyklappe) und Räume, in denen zerstrittene Elternteile nach einer Scheidung ihre Kinder in einem geschützten Raum treffen können.

ER hatte Eltern. Besonders einen Vater, der den auffallend rotschopfigen Sohn auf den Weg brachte. Man schrieb das Jahr 1693 und der Sohn war 15. Die erste Station und Aufgabe, die es zu erfüllen galt, war die des «Türstehers im Römischen Reich» (Ostiarius). Es folgte Station und Aufgabe 2, die des Lesers bzw. Vorlesers der für den jeweiligen Tag vorgesehenen Schriften des Gottesdienstes (Lektor). Darauf lehrte man ihn das Hinausbeschwören vermeintlicher Dämonen, die in Menschen, Tieren, ja, gar in Orten oder Dingen vermutet wurden (Exorzist). Nachdem er auch diese Aufgabe erfüllt hatte, wurde er schlußendlich zum Akolyth. Vorausgesetzt, man verwechselt die Buchstaben nicht, handelt es sich hierbei um eine Art «Begleiter» oder «Gefolgsmann», ein männlicher Laie, der von der Kirche dazu bestellt ist, in der Liturgie der katholischen Kirche einen liturgischen Dienst auszuüben.

Der Gefolgsmann folgte, nämlich weiterhin tapfer dem Weg, den sein «Herr» für ihn ausgewählt hatte, wurde zunächst Subdiakon, dann Diakon, bis er 1703 die Priesterweihe erhielt. Dieser Weg hatte ihn 10 Jahre seiner Zeit gekostet. Er hatte dem Wunsch seines Vaters (nicht des heiligen) genüge getan. Zum Beweis seines guten Willens las Antonio noch ein halbes Jahr die Messe an der Kirche San Giovanni in Oleo. Dann musste er (leider) aus gesundheitlichen Gründen das Amt aufgeben. Noch im selben Jahr, es war 1703 und Antonio Vivaldi herrliche 25 Jahre jung, wurde er zum Maestro di violino am Ospedale delle Pieà ernannt.

Ja, Sie vermuten richtig, dass, wenn ich Ihnen solche Geschichten erzähle, sich stets eine besondere musikalische Neuheit dahinter verbirgt. Jene Neuheit wurde erstmals vor 304 Jahren veröffentlicht und machte seinen Schöpfer in ganz Europa zu einer Berühmtheit. Haben Sie schon eine Eingebung?

Antonio Vivaldi hatte eine, genau gesagt, hatte er eine harmonische Eingebung. «L'Estro Armonico» («Die harmonische Eingebung») ist der Titel eines Zyklus von zwölf Konzerten für Violinen und Streichorchester, den Vivaldi 1711 veröffentlichte, und die gar die frühen Konzerte des 7 Jahre älteren Johann Sebastian Bach unbestritten beeinflussten, bis hin zu seinem Jahrzehnte später komponierten Italienischen Konzert. Es heisst, es könne so etwa im Jahre 1713 gewesen sein, als Bach durch seinen Dresdner Freund Johann Georg Pisendel mit Vivaldis Musik in Kontakt gekommen sei. Guter Einfall, Pisendel! (Wer an dieser Stelle an einen Einfalls-Pinsel denkt, liegt falsch!)

Mehr als gut gemacht, ja, ich neige dazu zu sagen brilliant gemacht, haben das Ensemble L’Arte dell‘ Arco und der Solo-Violinist und Maestro di concerti Federico Guglielmo die Aufnahme der «L'Estro Armonico» (Brilliant Classics 2CD 94629). Brilliant an genau dieser Einspielung ist, dass mit jedem Takt, mit jedem Ton zu hören, zu fühlen ist, wie sehr diese Musiker um Vivaldis Kompositions- und Spielkunst wissen, wie intensiv und erfolgreich sie sich mit den Partituren des Komponisten beschäftigten (Vivaldi selbst war ein hervorragender Violinist).

Was mich jedoch am meisten begeistert und berührt, und es ist, weshalb ich die Musik von Antonio Vivaldi so sehr mag, ist diese unbändige Freude, gepaart mit wohltuender, anschmiegsamer Melancholie, die in seinen Kompositionen steckt, und die L’Arte dell‘ Arco in wundervoller Weise erklingen und empfinden lässt. Eine schönere «harmonische Eingebung» ist mir bislang nicht zu Ohren und zu Herzen gekommen.

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

  • Antonio Vivaldi - 'L'estro Armonico' - Brilliant Classics
  • 'L'arte dell'arco' diretta da Federico Guglielmo

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