Je est un autre

19.01.2015 Kurt Bracharz

Seit ich gesehen habe, wer alles Charlie ist oder sein will oder zu sein vorgibt, kommt mir das Titel-Zitat einmal mehr nützlich vor – auch wenn Rimbaud mit diesem Satz etwas anderes gemeint hat, als mein Gebrauch hier nahelegt. Ich bin natürlich nicht der Einzige, der bemerkt hat, dass jetzt die hinterletzte Provinzjournaille beim Zähneputzen plötzlich das Gesicht der Aufklärung im Spiegel gesehen haben will, nein, es haben sich in vielen Blättern Gegenstimmen erhoben, allerdings immer nur die von Satirikern.


Sogar im «Wann & Wo», das natürlich auch Charlie war, hat Gaul in seiner Kolumne «Neues vom Zanzenberg» dagegengehalten: «Und ich fernseh am Abend und oben links steht plötzlich »Je suis Charlie«, und ich schlag die Zeitung auf am Morgen und oben rechts steht plötzlich »Je suis Charlie«, und jeder Dorfplotikeri (Gauls Schreibweise von »Politiker«, Anm. der Red.), der außer der lokalen Mundart keine Zweitsprache kennt, kann plötzlich Französisch und quakt SCHÖ SWI TSCHARLI.»

Man fragt sich schon, wie viele Je-suis-Charlies «Hebdo» für Charlies Familiennamen halten. Das Blatt hatte eine Auflage von 50.000, und die wurde fast nur im französischsprachigen Raum vertrieben; ich kaufte die Zeitschrift gelegentlich am Züricher Hauptbahnhof – näher ist sie Vorarlberg meines Wissens nicht gekommen, im regionalen Zeitschriftenhandel, aber auch in Lindau habe ich sie nie gesehen.

Andere Schreiber fechten mit einer feineren Klinge als Gaul. Rainer Nikowitz überschrieb sein boshaftes, mit «Checkpoint Charlie» betiteltes, fiktives Interview mit einem Linken mit «Auf einmal outen sich ganz viele Mutige als Charlie. Das ist sehr hilfreich – weil bei den meisten wäre es einem sonst vielleicht gar nicht aufgefallen.»

Und Zippert zappte in «Die Welt» vom 16. Jänner: «Charlie ist der beliebteste Jungenname, und Satiriker stellen die angesehenste Berufsgruppe in Deutschland, mit weitem Abstand vor Feuerwehrmännern und Krankenschwestern. Das hat eine aktuelle Umfrage ergeben. 43 Prozent aller Eltern sähen es gerne, wenn ihre Tochter einen Satiriker heiratet, und jeder zehnte Bundesbürger würde sich lieber von einem Satiriker behandeln lassen als von einem Urologen.»

Das geht so weiter, aber ich kann, darf und will ja nicht die ganze, wie meistens brillante Zippert-Kolumne zitieren, nur noch die schöne Einsicht, dass 92 Prozent der Schulabgänger Satiriker werden wollen, «weil man als Satiriker einflussreiche Freunde wie Angela Merkel oder Sigmar Gabriel hat».

Schade, dass «Charlie Hebdo» schon seit Jahren nicht mehr den ursprünglichen Blattnamen trug. Der lautete «Harakiri», und ein Schildchen «Je fais Harakiri» würde mir bei vielen Trägern mehr Hoffnung machen als «Je suis Charlie».


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